Was wird beim pharmakologischen Neuro-Enhancement verbessert? – Eine neue Form der Arbeitszeitregulierung

Dr. Greta Wagner erlaubte uns einen weiteren Einblick. In ihrem Vortrag „Was wird verbessert beim pharmakologischen Neuro-Enhancement?“ beschrieb sie Erfahrungen von Neuro-Enhancer-Konsumenten. Sie zeigte auf, dass Hirndoping-Mittel eine neue Form der Arbeitszeitregulierung sein könnten.

Wann werden diese Mittel aus medizinischer Notwendigkeit genommen? Wann fängt Neuro-Enhancement an? Sollte ein kleiner Junge mit ADHS Ritalin nehmen, damit er sich besser konzentrieren kann und somit auch bessere Noten erzielt? Oder zählt das schon zu geistigem Enhancement? Ist die Arbeit mit konzentrationssteigernden Mitteln genauso viel wert, wie ohne?

2009 wurde das Thema in den Medien groß aufgegriffen. Mithilfe des Begriffs „Hirndoping“ wurde über die steigende Häufigkeit der Einnahme berichtet – über den Missbrauch von Ritalin, Modafinil und Dexamphetamin, vorwiegend in den USA. Eine Studie zeigte, dass in den USA 6,9 Prozent der StudentInnen regelmäßig verschreibungspflichtige kognitive Enhancer einnehmen. Hierbei fragte sich Wagner, welche Motivation hinter der Einnahme von sogenannten Hirndoping-Mitteln steckt. Daher hat sie eine kleine Studie mit 16 InterviewpartnerInnen durchgeführt, um sich erste Einblicke zu verschaffen.

„Vor der Einnahme von Neuro-Enhancern war ich am Lehrstoff nie so interessiert. Plötzlich hatte ich richtig Lust am Lernen.“ – „Man ist plötzlich komplett drin, ob beim Händewaschen oder über den Lehrbüchern. Alles drum herum nimmt man nicht mehr wahr. Und nach drei Stunden ist die Wirkung wieder vorbei. Und man hat wirklich etwas Produktives erreicht.“ Zwei Aussagen von StudentInnen, die die kleinen Helfer nur für Prüfungszwecke einnehmen, also von der positiven Wirkung überzeugt sind und die Nebenwirkungen kennen.

Die Umfrage zeigte, dass Neuro-Enhancer keine Intelligenzsteigerung bewirken. „Sie bekämpfen lediglich die Müdigkeit und Motivationslosigkeit“, so Wagner. Sie steigern nicht die kognitive Leistung, sondern versetzen in einen absoluten Konzentrationszustand. Es ginge um die spezifische Verbesserung von Motivation und Antrieb, was von der Bioethik nicht ganz berücksichtigt würde, kritisierte die Vortragende.

Dies zeige sich auch in der Arbeitswelt, so Wagner. Flexible Arbeitszeiten erlauben mehr Gestaltungsfreiraum für die Angestellten. Was zum einen mehr Zufriedenheit und zum anderen mehr Arbeit bedeute. Es stelle sich ein Übergang vom Leistungs- zum Erfolgsprinzip heraus: ein Arbeitnehmer ist frei in der Arbeitseinteilung, wichtig ist nur, dass er eigenverantwortlich die erforderlichen Ergebnisse erreicht. Dies führt zum Transformationsproblem – Arbeitszeit ist gleich Arbeitsleistung. Was nichts anderes bedeutet, als eine erhöhte Anforderung und Selbstkontrolle. Kann man daher Neuro-Enhancer als „pharmakologische Unterwerfung unter das neue Arbeitsregime“ beschreiben? Am Beispiel einer 36-jährigen Befragten möchte Wagner die Präsenz der Neuro-Enhancer in der Arbeitswelt aufzeigen: Jeden Tag nimmt sie Ritalin vor der Arbeit, um den erwarteten Leistungen nachzukommen. Neuro-Enhancer als persönliche Stechuhr. Abends wenn die Wirkung der letzten Ritalintablette nachlässt, ist sie dann wieder sie selbst. Die Antriebslosigkeit, die sie sonst während der Zeit im Büro empfinden würde, wäre ansonsten viel zu quälend.

So führte laut Wagner der Wandel der Arbeitswelt mit seinen neuen Anforderungen zu einer Art „Selbst-Aktivierung“ mittels Neuro-Enhancer. Die Substanzen deaktivieren den Bewegungsdrang und steigern die Konzentration. Sie seien für die neue Einteilung von Arbeitszeit und Freizeit zuständig. Darüber hinaus steigern sie die Motivation und das Interesse an dem, was man gerade tut. Eine neue Form der Arbeitszeitregulierung durch Neuro-Enhancer?

von Fabienne Schleunung