Zwei silberne Packungen mit rosa Pillen.

Studium mit Smart-Pills

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Wacher, aufmerksamer, konzentrierter – wer dem Druck der heutigen Leistungsgesellschaft standhalten will, greift immer häufiger zu Medikamenten. Besonders bei Studierenden ist das Gehirndoping vor Prüfungen und Klausuren sehr verbreitet. Experten erklären, warum der Trend nicht nur medizinisch fragwürdig ist.

Sieben Uhr morgens – der Wecker klingelt. Nach gerade einmal drei Stunden Schlaf steht Michael F. auf und geht unter die Dusche. Zuvor wirft er eine kleine weiße Pille mit dem Wirkstoff Modafinil ein. Noch bevor er fertig abgetrocknet sei, habe die Wirkung bereits eingesetzt, erklärt er. Die Pille gehört seit einigen Wochen zu seinem morgendlichen Ritual. Der 20-jährige studiert Medizin in Frankfurt am Main und steckt gerade mitten in der Prüfungsphase – das bedeutet mindestens 15 Stunden Lernen pro Tag. Das enorme Leistungspensum versucht er zu bewältigen, indem er sein Gehirn dopt. Mit einem Medikament, das Ärzte verschreiben, um Narkolepsie, eine seltene Schlafkrankheit, zu behandeln. Michael F. leidet zwar nicht an krankhafter Müdigkeit, aber auch ihn überkommt nach ein paar Stunden Lernen oft der Schlafdrang. „Mit Modafinil kann man schon einmal ein paar Wochen mit nur drei Stunden Schlaf pro Nacht auskommen“, betont er.

Wie Michael F. versuchen mittlerweile viele Studierende den stetig wachsenden Leistungsanforderungen gerecht zu werden. Vorlesungen besuchen, für Klausuren lernen, arbeiten gehen, irgendwo noch das Privatleben unterbringen – und das von morgens früh bis abends spät und am besten auch noch am Wochenende. Die Einnahme von stimulierenden Mitteln hat dabei eine lange Tradition. Kaffee, Tee oder Nikotin sind frei zugängliche Stimulanzien, die seit Jahrhunderten eingenommen werden, um die Müdigkeit zu überwinden und die Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Doch immer häufiger scheinen die allgemein akzeptierten Muntermacher nicht mehr auszureichen.

Studierende aufgeschlossen für Hirndoping

Laut einer im Januar 2012 veröffentlichten Studie des Instituts für Hochschulforschung  gaben rund fünf Prozent der 8000 teilnehmenden Studierenden in Deutschland an, bereits Medikamente zur geistigen Leistungssteigerung und zur Stresskompensation eingenommen zu haben. Weiterhin waren 17 Prozent der Befragten gegenüber entsprechenden Substanzen aufgeschlossen. Die grundsätzliche Bereitschaft sich zu dopen ist also deutlich höher als der tatsächlich eingeräumte Konsum.

Auch Adrian S. hält sich diese Möglichkeit offen. Seit vier Fachsemestern studiert er Philosophie in Frankfurt am Main. Gerade hat er ein paar Minuten Pause, bevor die nächste Vorlesung losgeht. Er zündet sich vor dem Vorlesungsgebäude eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug. In der anderen Hand hält er wie fast jeder auf dem Campus einen Kaffeebecher. „Ohne Kaffee würde ich da drin direkt einschlafen“, sagt er, wirft den  Zigarettenstummel auf den Boden und zerdrückt ihn unter seinem Schuh. Vor den nächsten Prüfungen wolle er sich Ritalin besorgen, fährt der Student fort: „Einfach mal, um es auszuprobieren.“ Dabei ist auch Ritalin ein verschreibungspflichtiges Medikament, das offiziell eingesetzt wird, um Patienten zu behandeln, die unter einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS)  leiden. „Mit dem Zeug soll man alles um sich herum ausblenden und sich besser konzentrieren können“, erklärt der 25-jährige und geht zurück in seine Vorlesung.

Claus Normann, Geschäftsführender Oberarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg, kann den Trend bestätigen. Es komme immer wieder vor, dass Studierende Medikamente einnehmen und glauben würden, sich so besser auf eine Prüfung vorbereiten zu können. Diese Tendenz sehe er aus ethischer, aber auch aus medizinischer Sicht kritisch. Laut Normann ist beispielsweise Ritalin ein sehr sinnvolles und wirkungsvolles Medikament zur Behandlung von ADHS-Patienten . Werden aber solche verschreibungspflichtigen Medikamente von Gesunden konsumiert und missbraucht, um die Leistungsfähigkeit des Gehirns zu erhöhen, so sieht er darin keinerlei Unterschied zum Doping im Sport. „Es ist unfair, unverantwortlich und hebelt außerdem den Sinn von Klausuren aus.“ Es könne nicht sein, dass Menschen glauben, nur noch mit Medikamenten den „absurden Anforderungen“ unserer Gesellschaft gerecht werden zu können. „Dann stimmt etwas mit der Gesellschaft nicht“, kritisiert er.

Studien zur Wirkungsweise fehlen

Dabei ist der Nutzen solcher Mittel gerade bei Gesunden wissenschaftlich nicht bewiesen. „Es gibt keine genauen Studien zur Wirkungsweise solcher Substanzen“, erklärt Normann. Es gebe lediglich einige kleinere Laboruntersuchungen, deren Ergebnisse alle uneinheitlich seien. Weiterhin könne man die Langzeitfolgen aus medizinischer Sicht nicht abschätzen, fährt der Oberarzt fort. Das körperliche Suchtpotenzial von Medikamenten wie Ritalin oder Modafinil schätzt er, gerade bei unregelmäßiger Einnahme, zwar als relativ gering ein, doch bestehe eine große Gefahr der geistigen Abhängigkeit. Seiner Ansicht nach ist es viel wahrscheinlicher, dass man irgendwann glaubt, nur noch mit entsprechenden Mitteln lernen und den Stress bewältigen zu können.

Auch Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, äußert sich in seinem Buch „Hirndoping – Warum wir nicht alles schlucken sollten“ zum Nutzen und zur Sicherheit leistungssteigernder Medikamente. Laut Lieb sprechen aus medizinischer Sicht viele Argumente gegen die Einnahme dieser Substanzen. „Wenn überhaupt, machen sie uns kurzfristig wacher, aufmerksamer und konzentrierter, aber keinesfalls verbessern sie direkt unser Gedächtnis oder machen klüger“, warnt er. Außerdem gebe es zu den Nebenwirkungen keine zuverlässigen Untersuchungen, weshalb diese nicht abschätzbar seien. „Da die Einnahme solcher Substanzen durch Gesunde nicht überwacht wird, besteht eine unkalkulierbare Gefahr.“ Im schlimmsten Fall könne die Langzeiteinnahme psychische Erkrankungen auslösen, warnt Lieb. Letztendlich bestünden nach wie vor Risiken einer Abhängigkeit und “erhebliche Sicherheitsbedenken bei der Anwendung”.

Trotz Herzrasen nicht ohne Modafinil

Für den Studenten Michael F. spielen Risiken nur eine nebensächliche Rolle. In den ersten vier Wochen habe er Herzrasen gehabt, erzählt er. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es harmlos ist.“ Denn Modafinil habe ihn schon durch so einige Nächte gebracht. „Ich habe oft 24 Stunden lang an einem Stück gelernt und bin danach direkt in die Klausur. Ohne Modafinil absolut undenkbar!“, erklärt der Student. Heute Abend wird sich der 20-jährige zur Abwechslung aber mal volle acht Stunden Schlaf gönnen, denn auch ihm ist bewusst, dass sein Verhalten auf Dauer nicht gesund sein kann. Aus diesem Grund hat er einen ganz eigenen Schlafrhythmus entwickelt: „Während einer Lernphase schlafe ich jede dritte Nacht normal lange, also sieben oder acht Stunden. Die restlichen Nächte dann kürzer.“

Text: Patrycja Kaczmarek