Die Brusttasche eines Arztkittels, in der einige Stifte stecken.

Ritalin gibt es nur bei ADHS

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Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Laut einer Studie der Universität Mainz greifen immer mehr Schüler und Studenten zu Neuro-Enhancern. Doch wie einfach und schnell kommen gesunde Menschen an Ritalin oder Medikinet? Der Kinder- und Jugendmediziner Dr. Markus Landzettel erklärt im Interview, dass es Medikamente nur mit entsprechender Diagnose gibt.

Dr. Markus Landzettel arbeitet seit 1998 in einer Gemeinschaftspraxis in Darmstadt als Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. Nach seinem Medizinstudium in Frankfurt absolvierte er eine Ausbildung zum Kinderarzt.

Haben Sie bereits Medikamente wie Ritalin, Antidepressiva wie Fluoxetin oder Antidementiva wie Piracetam verschrieben?

Ja, ich habe bisher Methylphenidat, Ritalin LA, Concerta, Equasymretard und Medikinetretard an unsere Patienten mit der Diagnose ADHS verschrieben.

Waren diese Medikamente in Ihrer Praxis schon einmal im Zusammenhang mit Neuro-Enhancement im Gespräch?

Nein, unsere Medikamente waren bisher bei uns nicht im Gespräch mit NE.

Wie ist der Weg, bis solche Medikamente verschrieben werden?

Die Kinder werden meistens von anderen Ärzten zu uns überwiesen. In anderen Fällen stellen die  Erzieher in den Kindergärten fest, dass die Kinder unruhig oder impulsiv sind. Schulkinder dagegen fallen zum Beispiel durch ihr Schriftbild auf. Die Lehrer und Erzieher bemerken das, suchen den Kontakt zu den Eltern und diese wiederum zu uns.

Wir geben den Eltern oder den Menschen aus dem sozialen Umfeld Fragebögen mit, bei dem das Verhalten des Kindes überprüft werden soll.  Zudem gibt es auch einen Intelligenztest, der jedoch nicht den IQ fest legen soll. Für uns ist interessant: Wie werden die Aufgaben gelöst? Werden die Aufgaben richtig angeschaut? Wie ist die Konzentration der Kinder während den Tests? Neben den psychologischen Tests und den Beobachtungen werden weitere Untersuchungen durchgeführt, die organische Probleme ausschließen sollen. Außerdem erkundigen wir uns nach der Familie. Gibt es da Erkrankungen und Verhaltensstörungen?

Wie geht es dann weiter?

Nachdem wir ein Rezept für Methylphenidat, Ritalin LA, Concerta, Equasymretard oder Medikinetretard ausgestellt haben, sprechen wir nochmal mit unseren Patienten und ihren Eltern über die Einnahme und die Wirkung des Medikaments. Bei Kindern ist es uns auch sehr wichtig mit einer niedrigen Dosis anzufangen. Außerdem soll die Einnahme der Mittel zu Zeiten sein, in denen die Kinder sich zu Hause befinden. Wir wollen verhindern, dass diese Arzneimittel in Schulen oder Kindergärten mitgenommen werden und in falsche Hände geraten.

Welche Menschen fragen nach solchen Medikamenten?

Meistens die Eltern der Betroffenen , oder Patienten die zu uns überwiesen wurden. Wenn man versucht, das Ganze in Zahlen zu fassen, sind 60 Prozent der Patienten wirklich krank und 40 Prozent kerngesund. Ab und zu stellen wir eine Überweisung zum Ergotherapeuten aus.

Wie schätzen sie den zukünftigen Gebrauch solcher Medikamente ein? Ist ein Trend zu Neuro-Enhancern erkennbar?

Mit der Einführung von G8 ging sicher die Tendenz zur Einnahme von NE nach oben. Die Kinder haben immer weniger Zeit und stehen unter Leistungsdruck. Jedoch sehe ich diese Umstellung auf G8 als eine Veränderung von vielen weiteren in unserem Leben. Wir stellen uns irgendwann auf diesen Wechsel ein. Das geht sehr wohl ohne Medikamente, dauert aber. Leider wird zu schnell zu Arzneimitteln gegriffen.

Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dass Patienten entsprechende Symptome vorgetäuscht haben, um an solche Medikamente heranzukommen?

Wir hatten schon zwei Anfragen: Die erste Anfrage war von einem Patienten der schon sehr lange von uns behandelt wurde. Er litt unter ADHS, wir hatten nach längerer Einnahme die Behandlung mit Medikamenten abgeschlossen. In seiner Abiturphase kam er wieder zu uns. Nach kurzen Tests haben wir festgestellt, dass er kein Medikament benötigt. Aber durch die Erfahrung, die wir mit ihm gemacht hatten und nach längeren Überlegungen beschlossen wir, ihm für den Zeitraum seiner Abiturphase das Medikament zu geben. Bei der zweiten Anfrage, handelt es sich auch um einen Abiturienten. Dieser war weder Patient bei uns, noch wurde er zu uns überwiesen. Hier führten wir die gleichen Tests durch. Der Patient hatte normale Werte und somit haben wir ihm kein Medikament verschrieben.

Wie stehen Sie selbst zu Neuro-Enhancement? Ist es eine Chance oder für Sie nicht vertretbar?

Ethisch vertretbar ist die Einnahme von Medikamenten bei Patienten mit einem eindeutigen Krankheitsbild. Diese Kinder brauchen Hilfe, damit sie keinen Stress haben und klar kommen. Denn ohne das Medikament, das nicht leistungssteigernd ist, sondern konzentrationssteigernd ist, würden die Kinder ihr ganzes Leben nicht in den Griff bekommen. Ohne Behandlung würden sie später dazu neigen, zu Drogen zu greifen.

Um das Ganze deutlich zu machen, nenne ich mal ein Beispiel. Im Krieg waren Amphetamine im Militär weit verbreitet, Konzentration und Wachsamkeit der Soldaten wurden dadurch erhöht. Vor allem unter Piloten waren diese so genannten „go pills“ beliebt. Diese Art von Hirndoping halte ich für ethisch nicht vertretbar. Ich persönlich sehe NE als eine Modeerscheinung. Die Studenten, Schüler oder auch Berufstätige haben aber ein falsches Bild davon. Diese Medikamente sind nicht leistungssteigernd. Mit der Einnahme können wir lediglich unsere Bettgehzeit verzögern, das heißt wir lernen in den Stunden, in denen wir schlafen und zur Ruhe kommen sollten.

Interview: Nadya Jalali