Verschiedene Tabletten und Pillen in bunten Farben.

Placebo: Gehirndoping durch Einbildung

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Nur eine kleine Pille schlucken – und schon ist man extrovertiert, ausgeglichen und motiviert für bevorstehende Aufgaben. Antriebslosigkeit und Stimmungsschwankungen werden einfach ausradiert – oder schenkt uns die Pille nur den Glauben an uns selbst?

Seit Ende der 1980er Jahre das Antidepressivum Prozac in Amerika auf den Markt kam, erlebt es einen großen Hype. Mithilfe dieses Medikaments können kleine, persönliche Problemen bis hin zu Depressionen selbst behandelt werden, ohne sich mit einer langwierigen Therapie auseinander setzen zu müssen.

Das Medikament Prozac ist auch von Allgemeinärzten verschreibbar und enthält den Wirkstoff Fluoxetin. Dieser verhindert die Wiederaufnahme des Botenstoffs Serotonin, einem Neurotransmitter, in die Synapsen im Gehirn. Man vermutet unter anderem, dass bei depressiven Menschen der Serotonin-Spiegel im Gehirn zu niedrig ist, Fluoxetin erhöht die Neurotransmitter-Konzentration zwischen den Synapsen.

Durch neue Studien kommen Zweifel an der Wirksamkeit von Prozac auf

Nach Schätzungen haben bis heute 40 Millionen Menschen Prozac genommen, und dem Großteil ging es danach tatsächlich besser. Stimmungsschwankungen ließen nach, Schüchternheit konnte überwunden werden – und das alles, weil mehr Neurotransmitter im Gehirn sind?

Eine Studie zeigt nun, dass eine tatsächliche Wirkung des Medikaments selbst für den ursprünglichen Zweck – dem Einsatz bei Depressionen – nie feststand: Eine Gruppe von Naturwissenschaftlern um Irving Kirsch von der Harvard Medical School verglich eine Mehrzahl der vorhandenen klinischen Studien über die Wirkung von Prozac. Die Unterschiede zwischen Prozac-Probanden und Placebo-Patienten waren nicht signifikant. Die Wissenschaftler der Harvard Medical School werteten sämtliche bisher veröffentlichten klinischen Studien zu Antidepressiva erneut aus – und berücksichtigten dabei auch bisher unveröffentlichte Datensätze. Dabei wurde deutlich, dass im Durchschnitt nur ein minimaler Unterschied zwischen der Wirkstoff-Gruppe und der Placebo-Gruppe besteht: Patienten, die den Wirkstoff einnahmen, waren im anschließenden „Hamilton Rating Scale of Depression“-Test (HRSD-Test) kaum besser als Patienten der Placebo-Gruppe.

Die Annahme liegt nahe, dass die Pille nur den Selbstheilungsprozess des Körpers in Gange setzt. Das Phänomen des Placebo-Effekts ist bis heute ein Geheimnis, das nicht vollständig erforscht ist. Dr. Martin Schiller, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Nürnberg, sagt: „Der Placebo-Effekt ist keine Zauberei und wir benötigen ihn in der Behandlung immer wieder.“

Besitzt der menschliche Geist tatsächlich eine so große Selbstheilungskraft? „Autosuggestion ist wirklich ein sehr mächtiger Faktor“, sagt der Nürnberger Psychiater und Neurologe Tobias Müller. „Der Mensch ist sehr empfänglich dafür, dass das eintritt, was man erwartet.“ Woher der Körper plötzlich Kräfte mobilisiert, die zu einer Besserung des Befindens führen, weiß auch er nicht sicher: „Es kann sein, dass unterbewusst eine Art Umdenken stattfindet. Die Tatsache, dass ich mir eingestehe, dass ich Hilfe von außen brauche, führt vielleicht auch zu einem Innehalten im Alltag.“

Der Placebo-Effekt bei Neuroenhancern hilft nur kurzfristig

Bei Fluoxetin, ebenso wie bei allen anderen weitverbreiteten Neuro-Enhancern, ist eine körperliche Wirkung bei Gesunden nicht nachgewiesen. Nach Müllers Eindruck ändert sich allerdings die Eigenwahrnehmung der Konsumenten massiv. Sie fühlen sich wacher,  konzentrierter und extrovertierter. „Das hängt vor allem damit zusammen, dass man heute in der Erwartung lebt, dass es für alles eine Tablette gibt“, erklärt er. „Wo man früher vielleicht Faulheit als Charakterschwäche oder Müdigkeit als körperliches Warnsignal gesehen hat, sieht man heute etwas, das man ohne großen Aufwand mit einer Pille beheben kann.“

Wer also als Patient eine Pille verschrieben bekommt und davon überzeugt ist, dass sie das vorhandene Problem lösen wird, wird wahrscheinlich allein deshalb eine Verbesserung seines Zustands erleben oder für einige Zeit besser lernen können. Müller warnt jedoch: ”Unser Körper macht alles nur eine gewisse Zeit mit. Kurzfristig kann man sich sicher mit Pillen über Wasser halten, ob diese nun helfen oder nicht. Langfristig bekämpfen diese Medikamente aber, wenn überhaupt, nur Symptome und nicht die Ursache. Letztendlich kann nur eine Umstellung der Gewohnheiten Besserung bringen.“

Text: Laura Pfänder