EIn Flugzeug-Cockpit aus SIcht der Kabine, in dem Pilot und Copilot sitzen. (Foto: pilotsofswiss / flickr.com / cc-by-nc-nd)

Piloten und Pillen: Sicherer fliegen mit Neuro-Enhancement?

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass das Demenzmedikament Donepezil die Leistung von Piloten am Flugsimulator erheblich verbessert. Mancher Passagier würde vielleicht aufatmen, Jörg Handwerg von der Pilotenvereinigung Cockpit hält das aber nicht für einen Weg, um Fliegen sicherer zu machen.

Verkehrspiloten sind in einer Vielzahl ihrer kognitiven Fähigkeiten gefordert. Sie müssen über die gesamte Flugdauer sehr aufmerksam sein, sich Anweisungen merken und umsetzen können und viele Funktionen im Cockpit gleichzeitig überwachen. Räumliches Vorstellungsvermögen ist für sie genauso wichtig wie eine schnelle Reaktion in Gefahrensituationen. Für diese Anforderungen an das Gehirn spielt das cholinerge System eine große Rolle.

In diesem System ist Acetylcholin der wichtigste Botenstoff. Ist er in großer Menge vorhanden, können Signale schnell von Nervenzelle zu Nervenzelle übertragen werden. Ein bestimmtes Enzym baut diesen Botenstoff auch schnell wieder ab und kontrolliert damit die Reizweiterleitung. Bei gesunden Menschen ist das kein Problem, da das Acetylcholin in ausreichender Menge vorliegt.  Anders ist das bei alten Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Deshalb werden ihnen Medikamente verschrieben, die das Acetylcholin-abbauende Enzym hemmen. Eines dieser Alzheimer-Medikamente ist Donepezil.

2002 testete eine Forschungsgruppe um Jerome Yesavage von der Stanford Universität die Leistung von Piloten an einem Flugsimulator unter dem Einfluss von verschiedenen Substanzen. Untersucht wurde die Auswirkung einer täglichen Einnahme von fünf Milligramm Donepezil über einen Zeitraum von einem Monat, die Wirkung von Nikotin-Kaugummis sowie die Auswirkungen von Alkoholkonsum.

In einem Test mit dem Alzheimer-Medikament führten 18 Piloten sowohl vor als auch nach der 30-tägigen Einnahme von Donepezil zwei Testflüge am Simulator durch. Die Hälfte von ihnen hatte ein Placebo erhalten. Weder die Forscher noch die Teilnehmer wussten, wer die wirksamen Pillen bekommen hatte.

Als Ergebnis zeigte sich eine stark leistungssteigernde Wirkung von Donepezil, die sogar den Effekt der Nikotin-Kaugummis übertraf. Besonders bei der Reaktion in Notfallsituationen, bei der Vorbereitung auf die Landung des Flugzeugs und bei der Gesamtleistung lieferten die Piloten, die Donepezil eingenommen hatten, bessere Ergebnisse. Wer Flugangst hat, könnte erleichtert sein, wenn der Kapitän an Bord seine Fehler durch Tabletten minimiert.

Sollten also Menschen, die bei ihrer Arbeit Verantwortung für das Leben anderer haben, zu Medikamenten greifen, um die Sicherheit zu erhöhen? Jörg Handwerg, Pressesprecher der Pilotenvereinigung Cockpit und selbst Flugzeugkapitän, sieht darin keine Lösung: „Neuro-Enhancement lehnen wir ab. Aus unserer Sicht ist es der vollkommen falsche Ansatz, eine nicht ausreichende Leistung mit Drogen auszugleichen. Vielmehr muss man die Arbeitsumgebung so gestalten, dass sie zur Leistungsfähigkeit des Menschen passt und damit sicher ist.“

Die Grenzen seien immer irgendwann erreicht, betont Handwerg: „Sie werden durch Medikamente nur verschoben. Die Pillen tricksen den Körper aus, bis er zusammenbricht. Wenn man damit zum Beispiel zwei Stunden länger wach ist, ist man später trotzdem müde. Schlaf ist einfach lebensnotwendig.“ Außerdem gebe es kein Mittel ohne Nebenwirkungen.

Während Menschen, die im Büro arbeiten, während einer Behandlung mit Antibiotika nicht zu Hause bleiben müssen, dürfen Verkehrspiloten in diesem Fall nicht ans Steuer eines Flugzeugs. Selbst viele Erkältungsmittel sind verboten, denn die Wirkstoffe können zu Müdigkeit oder Unaufmerksamkeit führen. Im Cockpit kann das fatal sein. „Wenn im Beipackzettel eines Medikaments steht, dass vom Führen von Maschinen während der Einnahme abgeraten wird, darf es ein Pilot im Dienst nicht verwenden“, erklärt Handwerg.

Auch Donepezil verursacht solche Nebenwirkungen. Sehr häufig treten Durchfall, Übelkeit und Kopfschmerzen auf. Oft leiden Patienten unter anderem auch an Müdigkeit, Halluzinationen, Ohnmacht oder Schwindelgefühl. Für einen Piloten, der sich gerade mit seinem Flugzeug in 10 000 Metern Höhe befindet, ist das eine Gefahr.

Selbst wenn es ein entsprechendes Mittel ohne diese Nachteile gäbe, bleibt Handwerg skeptisch: „Das hilft dann auch nur in einem bestimmten Wirkungszeitraum und man müsste voraussehen, wann man es braucht.“ Für ihn ist klar: „Wenn man die Arbeitsbedingungen wie im Verkehrsflugbereich steuern kann, sollte man das ohne Drogen in den Griff kriegen.“ Behelfen würden sich Piloten nur mit legalen Mitteln wie Kaffee. “Und auch diese dürfen kein Ersatz für menschenwürdige Anforderungen sein.”

Text: Carola Mensch