Eine verschwommene Bahn-Unterführung, an deren Ende schemenhaft Menschen zu erkennen sind.

Neuro-Enhancement: Gesellschaft auf Drogen?

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Was ist der Unterschied zwischen Neuro-Enhancement und Drogenkonsum? Diese Frage wird sich in Zukunft immer öfter stellen – und die Parallelen sind unübersehbar. Und: Neuro-Enhancer werden immer weiter und tiefer in das gesellschaftliche Leben eindringen.

Wenn man sich mit dem Thema Neuro-Enhancement auseinandersetzt, also der Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit durch chemische Substanzen, taucht früher oder später die Frage auf: „Ist das nicht so etwas wie Drogen?“ Hier müssen drei Aspekte unterscheiden werden: Die Wirkungen und Nebenwirkungen der Substanzen, die Beweggründe für die Einnahme, und die Frage der Legalität.

Konzentrieren wir uns erst einmal auf die Wirkungen und Nebenwirkungen. Hier gilt der medizinische Grundsatz: keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Jede Wirkung verbraucht Ressourcen des Körpers, die dann an einer anderen Stelle fehlen. Das kann man sehr gut an Mitteln sehen, die wachhalten sollen. Zuerst funktionieren sie einwandfrei, weil sie den Schlafentzug durch andere Reserven des Körpers ausgleichen können. Wenn man diese Substanzen jedoch regelmäßig zu sich nimmt, sind auch diese Ressourcen bald aufgebraucht und können nicht mehr ersetzt werden. Der Organismus kollabiert.

Schon das zeigt, dass viele Drogen und Mittel zum Neuro-Enhancement viel gemeinsam haben. Ritalin ist hier ein sehr gutes Beispiel. Es enthält den Wirkstoff Methylphenidat, der Amphetaminen chemisch sehr ähnlich ist – diese sind auch in der Droge „Speed“ enthalten. Wenn man Ritalin als gesunder Mensch zu sich nimmt, ist die Wirkung aber eher mit der von Kokain zu vergleichen. Beide Mittel können zu überschwänglicher Euphorie führen, beide ermöglichen den Konsumenten eine Fokussierung auf ein und dieselbe Sache über Stunden hinweg. Das kann jedoch nach einiger Zeit zum physischen und psychischen Kollaps führen.

Es gibt aber auch große Unterschiede in der Wirkung von Neuro-Enhancern und Drogen. Drogen sollen für gewöhnlich für einen „Kick“ sorgen, also ein plötzliches Eintreten der Wirkung, das oft als Höhepunkt der Drogeneinnahme beschrieben wird. Bei Neuro-Enhancern bleibt dieser Effekt für gewöhnlich aus. Es handelt sich dabei meistens um Medikamente, die körperlich Gesunde regelmäßig einnehmen. Diese Mittel haben eine möglichst niedrige Wirkstoffdosis und bergen ein geringes Suchtpotenzial.

Auch wenn es sich bei Neuro-Enhancement und Drogen oft um ähnliche Substanzen mit ähnlichen Wirkungen handelt, sind die Beweggründe, sie zu konsumieren, völlig andere. Drogen werden meistens, zumindest bevor eine Sucht eintritt, zum Vergnügen oder zur Bewusstseinserweiterung eingenommen. So ist ein typischer Grund für die Einnahme von Speed, länger feiern zu können. LSD wird von manchen Künstlern konsumiert, um eine neue Bewusstseinsstufe zu erklimmen und um auf neue Ideen zu kommen.

Beim Neuro-Enhancement ist das nicht der Fall. Der Hauptbeweggrund ist häufig, sich besser in die Gesellschaft und die Arbeitswelt einzufügen. So schluckt ein Student nicht deswegen Ritalin, weil er Freude daran hat, ein Buch innerhalb einer Nacht fertig zu lesen, sondern weil er es bis zum nächsten Tag gelesen haben muss. Anderes Beispiel: Vor einem Bewerbungsgespräch nimmt ein Jobanwärter Prozac, um aufgeschlossen und locker zu wirken. In beiden Fällen ist es der Druck von außen, der zu Neuro-Enhancern greifen lässt.

Kompliziert wird es bei der rechtlichen Beurteilung von Neuro-Enhancement. Viele Stoffe fallen unter das Betäubungsmittelgesetz und können nur von einem Arzt verschrieben werden. Aber ein Arzt darf nur Kranken ein Rezept für die Mittel ausstellen. Dann handelt es sich aber nicht um Neuro-Enhancement, sondern einfach um Heilmittel. Es gibt jedoch Fälle, in denen sich eigentlich gesunde Patienten ein Rezept beim Arzt erlogen haben, ebenso wie Fälle von Eltern, die das für ihr Kind verordnete Medikament einfach selber nehmen. Und hier zeigt sich das Problem: Ein Stoff, der auf einem legalen Weg beschafft wurde, wird für andere Zwecke missbraucht. Es ist auch schwer, etwas daran zu ändern, außer dass Ärzte noch weiter sensibilisiert werden, diese Mittel nur nach gründlicher Prüfung zu verschreiben. 

Es gibt große Unterschiede zwischen Drogenkonsum und Neuro-Enhancement, auch wenn die Mittel sich oft stark ähneln. Noch ist Neuro-Enhancement als tatsächlicher „Hirndoper“ kein großes Thema, da noch bei keinem Medikament positive Effekte auf die geistige Leistungsfähigkeit nachgewiesen werden konnten. Doch mittelfristig müssen Regeln geschaffen werden, die eindeutig klarmachen, welche Neuro-Enhancer zugelassen werden – und auch welche als Drogen gelten müssen. 

Ein Kommentar von Dustin Grunert