Ein Mann lehnt mit gesenktem Kopf an einem verregneten Fenster. (Foto: Pixabay)

Mit Pemolin gegen den Stress im Beruf – bis zum Game over

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Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Arwed H. versuchte jahrelang dem Druck in seinem Job als Bankangestellter mit dem Mittel Pemolin zu begegnen. 2004 konnte er selbst mit dem leistungssteigernden Medikament den Anforderungen seines Chefs nicht mehr genügen. Was folgte, war ein Burnout – und die Kündigung.

Mit Arweds Karriere fing es eigentlich gar nicht so schlecht an. Schon früh war es sein Wunsch, später in einer Bank zu arbeiten. Nach seiner Mittleren Reife begann er jedoch eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann. Dann, Anfang der 1990er erfuhr er durch Zufall, dass in der örtlichen Bankfiliale Jobs angeboten werden, für die kein Abitur nötig ist. So kam er als Quereinsteiger ins Bankwesen. „Dort habe ich schon von Anfang an gemerkt, dass es nicht so locker wie im Großhandel ist“, schilderte er. Am Schalter warteten oft mehrere Kunden nacheinander. „Ich war jung, Anfang 20, also dachte ich: Wenn die ‚Alten‘ das aushalten, dann halte ich das auch locker aus“, erzählte er schmunzelnd.

Aber Arweds Schlafgewohnheiten machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Als Nachtmensch, der seinen Leistungshöhepunkt erst spät am Tag hat, musste er während der Arbeit oft zu Kaffee und Energy-Drinks greifen. „Ich habe mich gefühlt wie ein Schichtarbeiter, der um zwei oder vier Uhr morgens anfängt zu arbeiten, obwohl ich erst um acht Uhr morgens angefangen habe“. Das Koffein habe ihm geholfen, während der Arbeitszeiten wach zu bleiben. Zu dieser Zeit war Arwed in der Wertpapierabteilung eingesetzt. Angelernt war er schnell – aber Fehler konnte er sich nicht leisten, denn es ging um viel Geld. Es war also besonders wichtig für ihn, vollkommen wach und konzentriert arbeiten zu können. „Intellektuell war die Arbeit dort kein Problem für mich, aber ich war meinem Chef zu langsam“, erzählte Arwed. Er habe sich hohem Stress ausgesetzt gefühlt.

„Als ich gemerkt habe, dass es absolut nicht mehr geht, bin ich zu meiner Hausärztin gegangen“, berichtete er. Seine Leistungsfähigkeit habe er ohne Medikamente als viel zu gering eingeschätzt. Die Medikamente, die ihm helfen würden, durfte ihm aber nur ein Psychiater verschreiben. Der Psychiater, zu dem er überwiesen wurde, war gleichzeitig Neurologe und empfahl ihm Johanniskraut als leichtes Antidepressivum. “Damit war ich nicht zufrieden”,  berichtet Arwed.

Das zweite Medikament, welches ihm der Psychiater verschrieb, an dessen Namen er sich aber nicht mehr erinnern kann, verursachte Nebenwirkungen. Er wachte nachts mit starken Wadenkrämpfen auf. “Deshalb habe ich mich schließlich selbst auf die Suche gemacht”, erzählte Arwed. Er fand im Internet Informationen über einige Medikamente zur Leistungssteigerung, die seiner Meinung nach das Problem beheben könnten. „Ich war ja der Meinung, dass irgendetwas fehlt, wusste aber nicht genau was.“  Er druckte sich eine Liste der Medikamente aus und ging zu seinem dritten Termin beim Psychiater. “Das Medikament Pemolin, das der Arzt aus der Liste auswählte, hat letztendlich die gewünschte Wirkung erzielt”, sagte Arwed. Pemolin ist ein Arzneistoff zur Behandlung von Leistungs- und Antriebsschwäche.
Der junge Bankangestellte testete das Medikament zunächst privat. Bis zu 50 Stunden am Stück konnte er sich wach halten, wenn er die Tabletten eingenommen hatte. In den nächsten Jahren nutzte Arwed das Medikament nur gelegentlich, wenn er das Gefühl hatte, erschöpft zu sein. „Da brauchte ich dann morgens eine ganze oder eine halbe Tablette und nach der Mittagspause eine weitere“, erinnert er sich. Trotzdem habe es immer wieder Situationen gegeben, in denen er von seiner Hausärztin wegen zu hoher Stressbelastung einige Tage krankgeschrieben wurde.

„2004 war dann Game over“, erzählt er. Die Bank, für die er arbeitete, befand sich in einer Umstrukturierung. Er musste in eine kleinere Geschäftsstelle wechseln und arbeitete dort an der Kasse. Die neue Geschäftsstelle sei technisch nicht so ausgestattet gewesen wie die vorherige. So seien Arweds Arbeitsschritte umständlicher gewesen und hätten ihm kostbare Zeit geraubt. Er kontrollierte jede Eingabe, um Fehler zu vermeiden. Das kostete zusätzliche Zeit. Mit dem Zeitdruck nahm auch der Stress zu und damit auch Arweds Fehlerquote. Um zu leisten, was von ihm verlangt wurde, sah er sich gezwungen, über mehrere Wochen hinweg täglich Pemolin einzunehmen. „Ich war total ausgepowert“, seufzt er, “und mein Chef war trotzdem nicht zufrieden mit mir”. Schließlich wurde er wieder für einige Wochen krankgeschrieben. Kurz darauf bekam er die Kündigung.

Arwed war noch lange Zeit krankgeschrieben. Er hatte keinen Job mehr, konnte sich kein Auto leisten und in der kleinen Wohnung fühlte er sich eingeengt und einsam. Er verfiel in eine Depression. Eineinhalb Jahre lang wurden ihm verschiedene Antidepressiva verschrieben. “Pemolin habe ich bis auf gelegentliche private Einnahme abgesetzt”, sagt Arwed. Ein Nachfolgerezept hätte er ohnehin nicht mehr bekommen. Außerdem erfuhr er, dass der Wirkstoff Pemolin, den er jahrelang eingenommen hatte, giftig für die Leber ist.

Bei Routinekontrollen seien jedoch bei seinen Leberwerten keine Auffälligkeiten aufgetreten. “Für den privaten Gebrauch benutze ich momentan gelegentlich L-Tyrosin als leistungssteigerndes Mittel”, berichtete Arwed. Diese Aminosäure ist als Nahrungsergänzungsmittel in der Apotheke erhältlich. L-Tyrosin kann im Körper zu verschiedenen Neurotransmittern umgewandelt werden. So beeinflusst es Stimmungen und die geistige Funktionstüchtigkeit. Tyrosin hat eine stimmungsaufhellende Wirkung und wird als leichtes Antidepressivum eingesetzt.

Seit seiner Kündigung lebte er zunächst von Krankengeld, seit Anfang 2007 von Hartz IV. 2010 stellte seine Hausärztin sogar rückwirkend eine Arbeitsunfähigkeit fest und Arwed wurde rückwirkend ab dem Jahr 2005 berentet. Jetzt wohnt er in Darmstadt und möchte erst einmal etwas Geld hinzuverdienen. „Ich würde nie wieder in einer Bank arbeiten.“

Text: Vanessa Laspe