Hand_Tablette

Mein Leben in den Händen einer Tablette

Vier Jahre lang habe ich chemisch verändertes Speed genommen. Davon wusste ich zwei Jahre lang nicht, was ich nehme, weshalb ich es nehme und wie es in meinem Körper wirkt. Es handelt sich um Methylphenidat, bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin®. Ein Medikament, das vor allem unter den ADHS-Kranken weit verbreitet ist.

Angefangen hat alles mit 16 Jahren. Ich konnte nicht stillsitzen und mich kaum oder nur kurz konzentrieren. Das spiegelte sich in meinen Schulnoten wider und auch in den Gesichtern meiner Mitmenschen, weil sie mich kaum noch ertragen konnten. In der neunten Klasse war es dann soweit, die schlechten Noten ließen mich durchfallen. Meine Eltern schienen verzweifelt zu sein und gingen kurzerhand darauf mit mir zum Psychologen. Dort musste ich verschiedene Konzentrationstests machen. Blätter mit Zeichen und Buchstaben starrten mich an und ich musste in kürzester Zeit alle Fehler erkennen und ankreuzen. Am Anfang hat das noch sehr gut geklappt. Ein Klacks war das, doch der Test ging lange. Zu lange. Ich kam ins Schwitzen, konnte mich nicht mehr konzentrieren. Das bestätigte mir auch die Psychologin: Anfangs waren meine Ergebnisse gut, mit der Zeit wurden sie immer schlechter. Ziemlich schnell stand für sie fest, dieser Junge hat ADHS. ADH-was?

Bevor ich genauer über diese Buchstabenkombination nachdenken konnte, drückte die Psychologin meinen Eltern schon das Rezept in die Hand. Na ja, sie wird schon wissen, was sie tut und schließlich sind meine Eltern auch da. Wir gingen mit dem Rezept zur Apotheke und ich erhielt eine Packung, wo klar und deutlich Ritalin® draufstand. Bis zum 18. Geburtstag ist das Rezept rosa, danach wird es blau. Dann muss man das Medikament aus der eigenen Tasche bezahlen, weil man davon ausgeht, dass nur Kinder ADHS haben. Bewiesen ist das nicht.

Von nun an dominierte diese Pille mein Leben. Jeden Morgen musste ich sie einnehmen, mindestens alle drei Monate saß ich bei der Psychologin. Anfangs nahm ich nur eine geringe Dosis ein, mit der Zeit wurde es immer mehr. Ich war wohl ein sehr hippeliges und unkonzentriertes Kind. Während die Dosis zunahm, nahm der Appetit ab, genauso wie mein Körpergewicht. Ein Sandwich hätte mir für den gesamten Tag gereicht.

Erste Auseinandersetzungen mit Ritalin®

Wurden meine Noten schlechter, nahm die Dosis zu. Wurden sie besser, nahm die Dosis ab. So einfach war das, aber die Nebenwirkungen blieben die gleichen. Eines Tages trafen sie mich mit voller Wucht. Ich hatte die Tablette am Vortag vergessen und warf mir deshalb am nächsten Tag gleich zwei ein. Ist doch verständlich. Wenn mir die eine Dosis fehlt, hole ich sie am anderen Tag einfach wieder nach. Kurz darauf ließ mich mein Kreislauf im Stich, ich zitterte am gesamten Körper und die ganze Nacht war ich hellwach. Am nächsten Tag war alles wieder ganz normal,  als ob nie etwas gewesen wäre. Nach 18 Stunden ließ die Wirkung nach, nach 24 Stunden war das Medikament komplett abgebaut.

Erst mit 18 Jahren erfuhr ich, weshalb genau ich das Medikament einnehmen muss und was genau eigentlich ADHS bedeutet. Die ganze Zeit hatte ich es einfach hingenommen, es gehörte mittlerweile zu meinem Leben. Vermutlich weckte der Neurobiologieunterricht in der Oberstufe mein Interesse, mich etwas genauer darüber zu informieren.

Mir wurde mit der Zeit bewusst, dass ich jeden Morgen eine Droge nehme, die etwas in meinem Gehirn verändert. Ich erfuhr auch, dass „normale“ Menschen Methylphenidate nehmen, um ihre Konzentration künstlich zu steigern, viele sind nach der Einnahme sogar stark aufgedreht. Ich nicht. Ich war deutlich ruhiger. Während des Abiturs hat Ritalin® mir trotzdem nicht großartig geholfen. Ich konnte mich maximal für zwei Stunden konzentrieren, was für vierstündige Abitur-Klausuren nicht reichte.

Ritalin®, adé

Mit zwanzig beschloss ich, Ritalin® den Rücken zu kehren. Ich brauchte es nicht mehr, denn die Schulzeit war zu Ende. Ich habe das Medikament Schritt für Schritt abgesetzt und meinen Appetit zurückbekommen. Es war ein befreiendes Gefühl, sein Leben nicht mehr einer winzigen Tablette unterordnen zu müssen. Mein Körper gehörte wieder mir. Mehr oder weniger. Das Methylphenidat hinterließ seine Spuren: Ich bin vergesslicher als zuvor und häufig neben der Spur. Trotzdem habe ich mein Studium gut gemeistert, ganz ohne Ritalin® und Konzentrationsprobleme.

 

Dieser Text beruht auf einem Interview.

Natalie Antoni