Kleine Plastikfiguren eines alten Ehepaars sitzen auf kleinen Pillen. (Foto tk_presse / flickr.com)

Medikamenten-Check: Das Antidementivum Piracetam

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Im Kampf gegen die Alzheimer-Demenz gehört Piracetam zu den am meisten verschriebenen Medikamenten in Deutschland. Immer häufiger wird es auch an Berufstätige verkauft. Das marktführende Mittel gegen Konzentrationsschwierigkeiten und schwindende Denkfähigkeit im Alter wird zum Hirndoping im Alltag missbraucht.

Wirkungsweise

Eines der vielen möglichen Medikamente, die zum Hirndoping verwendet werden, ist Piracetam. Piracetam hilft gegen Konzentrationsschwierigkeiten und verbessert die Gedächtnisfunktion sowie Lern- und Denkfähigkeit und ist für die Behandlung von Alzheimer-Demenz bestimmt. Somit gehört Piracetam zur Gruppe der Antidementiva. Es wird unter dem Handelsnamen Normabrain oder Nootrop vermarktet. Antidementiva zählen zu den Acetylcholinesterase-Hemmern. Acetylcholinesterase ist ein körpereigenes Enzym, das den Neurotransmitter Acetylcholin abbaut. Neurotransmitter spielen eine große Rolle bei der Weiterleitung von Reizen in den Synapsen des Gehirns – der Neurotransmitter Acetylcholin ist hierbei für die Gedächtnis- und Konzentrationsleistung verantwortlich. Um den Zeitabstand der übertragenen Reize möglichst gering zu halten, benötigt der Körper sehr schnell arbeitende Abbau-Enzyme wie beispielsweise die Acetylcholinesterase. Bei Alzheimer-Kranken ist Acetylcholin nur noch stark verringert vorhanden. Folglich wird zu viel Acetylcholin zu schnell von der Acetylcholinesterase abgebaut. Um dem entgegenzuwirken, hemmen Antidementiva das Enzym Acetylcholinesterase und verhindern so einen weiteren Abbau des ohnehin schon knappen Neurotransmitters.

Piracetam als Neuro-Enhancer

Bei gesunden Menschen, ist das Konzentrationsverhältnis zwischen Acetylcholin und Acetylcholinesterase ausgewogen. Gesunde Menschen bräuchten die Einflussnahme von Piracetam auf die Reizweiterleitung im Gehirn eigentlich nicht – jedoch bewirkt die Hemmung der Acetylcholinesterase-Enzyme eine erhöhte Konzentration des Neurotransmitters Acetylcholin und somit wird eine schnellere Reizweiterleitung begünstigt. Die kognitiven Leistungen des Gehirns werden gesteigert. Immer häufiger wird Piracetam deshalb an gesunde Berufstätige verkauft, die über Stress und zu hohen Arbeitsdruck im Berufsalltag klagen. Die Zahl der Menschen, die Piracetam ohne medizinisch nachvollziehbare Verordnung einnehmen, beläuft sich in Deutschland auf 14,8 Prozent, dies stellt nun ein Bericht der pharmazeutischen Zeitung aus den DAK-Arzneimittel-, Krankenhaus- und Arbeitsunfähigkeitsdaten von 2006 bis 2007 heraus.

Studien

In Deutschland gehört Piracetam zu den am meisten verschriebenen Medikamenten gegen Alzheimer-Demenz. Laut einer Studie, die im Auftrag der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) durchgeführt wurde, ist die Wirkung von Piracetam jedoch stark umstritten. Nur die Symptome, nicht aber die Ursache der Demenz werden behandelt. Die DAK warnt davor, Medikamente wie Piracetam oder ähnliche Mittel zur kognitiven Leistungssteigerung einzunehmen, wenn keine Alzheimer-Diagnose vorliegt. „Konzentriert, kreativ, karrierebewusst: Der Wunsch, immer perfekt sein zu müssen, lässt sich auch durch Medikamente nicht erfüllen“, sagt DAK-Chef Herbert Rebscher. Auf lange Sicht können die Nebenwirkungen mit erhöhtem Risiko auftreten, ein starkes Suchtpotenzial sei ebenfalls denkbar.

Nebenwirkungen

Piracetam kann Motivationsschwierigkeiten, Schlafstörungen und Schlaflosigkeit, Nervosität, Depressionen und aggressives Verhalten verursachen. Diese Nebenwirkungen sind durchaus ernst zu nehmen, treten im Vergleich zu anderen Demenz-Pharmaka jedoch eher selten auf, deshalb wird Piracetam im Alltag von Gesunden häufiger genutzt als andere Hirndoping-Präparate.

Text: Bianca König