Zwei kleine Figuren einer Mutter und eines Kindes stehen auf weißen Tabletten. Foto: (TK_Presse / flickr)

Medikamenten-Check: Das Amphetamin Ritalin

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Im Jahr 2011 wurden laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 1,7 Tonnen Ritalin in deutschen Apotheken verkauft. 1993 waren es noch 34 Kilogramm. Seit die leistungssteigernde Beruhigungspille für Erwachsene zugelassen ist, steigen die Zahl der Diagnosen für die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung stark an.

Wirkungsweise

Die Diagnosen für die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindesalter häufen sich. Das “Zappel-Phillip-Sydrom” wird nach Angaben des ADHS Internet-Infoportals bei Jungen viermal so häufig diagnostiziert, als bei Mädchen. Während die Mädchen häufiger an einem Aufmerksamkeitsdefizit, dem “Träumsusen-Syndrom” leiden, sind die Jungen krankhaft ungeduldig, hibbelig, unkonzentriert, laut und aggressiv. An solche „auffälligen“ Kinder wird das Amphetamin Ritalin verschrieben. Ritalin enthält den Wirkstoff Methylphenidat (MPH) , der Einfluss auf den Stoffwechsel im Gehirn nimmt. MPH hemmt die Reizweiterleitung in den Nervenzellen des Gehirns. Die Reizweiterleitung erfolgt durch die Aufnahme von Botenstoffen in die Nervenzelle, sogenannten Neurotransmittern. Diese geben Informationen (Reize) in Form von elektrischen Impulsen von einer Nervenzelle zur anderen weiter. Durch die Einnahme von Ritalin wird die Aufnahme der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin in die Nervenzelle beeinflusst. Ritalin funktioniert, je nach Dosis und Alter des Patienten, wie ein An- und Ausschalter für die Transporter der Neurotransmitter – die Transporter für Dopamin und Noradrenalin werden gehemmt. Die Reize werden schwächer weitergegeben, somit wirkt MPH auf ADHS-Patienten im Kindesalter beruhigend.

Ritalin als Neuro-Enhancer

Paradoxerweise wirkt Ritalin bei Erwachsenen anregend, das heißt, die Transporter für Dopamin und Noradrenalin werden zu erhöhter Aktivität angeregt. Das beruht darauf, dass Erwachsene weniger Dopamin- und Noradrenalin-Transporter besitzen als Kinder. Während einige der vielen Transporter bei ADHS-kranken Kindern „ausgeschaltet“ werden, können bei Erwachsenen zeitweise inaktive Transporter „angeschaltet“ werden und zur erhöhten Reizweiterleitung verhelfen. Diese leistungssteigernde Wirkung macht Ritalin besonders für gesunde Menschen interessant, die einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt sind, wie zum Beispiel Studenten und Berufstätige. Was ADHS-kranke Menschen ruhig stellt, hilft Gesunden, ihre Konzentration zu steigern. Sie erhoffen sich durch die Einnahme von Methylphenidat eine höhere Konzentrations- sowie andauernde Leistungsfähigkeit für geistig fordernde Aufgaben, besonders im Studium und Berufsalltag. Seit 2011 ist Ritalin auch für Erwachsene zugelassen. Seitdem steigen die Diagnosen für ADHS im Erwachsenenalter rapide an. Dabei ist es relativ unwahrscheinlich, dass sich ADHS erst im Erwachsenenalter äußert. Um eine richtige ADHS-Diagnose festlegen zu können, müsse der Patient drei Symptome vorweisen: „Impulsivität, Hyperaktivität und ein Aufmerksamkeitsdefizit. Und das schon seit dem frühen Kindesalter: ADHS, das in der siebten Klasse plötzlich auftritt, gibt es nicht!“, sagte Ulrike Lehmkuhl, Direktorin der Kinderklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Studien

Ritalin verhilft zur verbesserten Lern- und Leistungsfähigkeit – es macht jedoch nicht klüger. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Universität Nottingham, bei der gesunde Probanden nach der Einnahme von Methylphenidat lernten. Währenddessen wurde die Hirnaktivität aufgezeichnet. Die Auswertung der Bilder zeigte, dass die Hirnaktivität zurückging, die Hirnleistung sich jedoch verbesserte. Diese Tatsache lässt aber nicht auf eine Steigerung der Intelligenz schließen.

Nebenwirkungen

Als Nebenwirkungen sind Schlaf- und Essstörungen, Bluthochdruck und Wachstumsstörungen nachgewiesen. Methylphenidat soll zwar nicht süchtig machen, jedoch kann eine psychisch bedingte Abhängigkeit auftreten. Über Langzeitwirkungen ist bisher noch wenig bekannt.

Text: Bianca König