Zwei Hände halten eine aufgeschlagene Zeitung.

Medienfragebogen: Wer sind die Lieblingsexperten der Medien?

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Wie funktionieren die Printmedien? Wir hinterfragen, wie sieben große Druckmedien in Deutschland über Neuro-Enhancement berichten: Vom Erklär-Bär für die Medien bis zum immer gleichen Bild der Leistungsgesellschaft.

Für unseren Medienfragebogen haben wir die Berichterstattung von Stern, Süddeutsche Zeitung, Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Focus, Spektrum der Wissenschaft und Die Zeit analysiert.

Was lockt den Leser? Einstieg in die Artikel über Neuro-Enhancement.

Die Einstiege in Texte zu Neuro-Enhancement haben sehr unterschiedliche Inhalte. Manche fassen das Wichtige des Artikels nüchtern zusammen, andere zeichnen mal ideelle, mal bedenkliche Zukunftsvisionen mit Neuro-Enhancement. Für den Einstieg werden häufig Bilder einer Leistungsgesellschaft inszeniert. Oft ist die Rede von gestressten Schülern oder Studenten mit hohem Prüfungsdruck und Büroangestellten kurz vor dem Burn-Out. Denn wie  wir dank Süddeutschen Zeitung wissen, “trinken die Studenten schon längst nicht mehr nur Kaffee”. Und von den “Schattenseiten der Leistungsgesellschaft” kommt man ohne Umwege zum “Glück im Pillenformat” und soll so für den Artikel aus der Süddeutschen Zeitung interessieren. In immer mehr Teasern neigen “immer mehr Menschen” dazu, Medikamente für ein Hirndoping einzunehmen. Ein Satz wie “Der Neuro-Held mit dem Gedächtnis einer Festplatte und der Konzentration eines Zen-Meisters wird viel beschworen – und gefürchtet” (Süddeutsche Zeitung) zieht doch magisch an, oder?

Lieblingsthema Neuro-Enhancement – gibt es Autoren, die es sich zum Spezialgebiet gemacht haben?
In den von uns betrachteten Medien doppeln sich die Autoren der Texte über Neuro-Enhancement nur sehr selten. Dabei wäre doch anzunehmen, dass sich in der Redaktion einer auf dieses Thema spezialisiert. Vermutlich ist Neuro-Enhancement jedoch nicht oft genug in den Medien, als dass es einen eigenen Experten in der Redaktion dafür gibt.

Auf diese Experten stürzen sich die Medien – die Top 3!

Mit Abstand am häufigsten zitiert wurde in unserem Medienecho Isabella Heuser, die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité. Gleich fünf unserer durchforsteten Medien – nämlich die FAZ, der Spiegel, die Süddeutsche, der Focus und der Stern – sahen Heuser als Expertin für Neuro-Enhancement. In ihren Aussagen bleibt Isabella Heuser gegenüber allen Medien relativ neutral: Weder befürwortet sie Neuro-Enhancement, noch verteufelt sie es. Sie erwähnt immer wieder, dass zum Thema Neuro-Enhancement aussagekräftige Daten und Studien fehlen würden. Die Bereitschaft zum Hirndoping in der Bevölkerung sei ihrer Meinung nach jedoch vorhanden. Sie könne es auch nachvollziehen, dass viele in unserer „Leistungsgesellschaft“ versuchen würden, sich mit Neuro-Enhancern einen Vorteil zu verschaffen. Heuser scheint unsere Medien von ihrem Expertenstatus überzeugt zu haben – vielleicht, weil sie nach ihren Abschlüssen in Psychologie und Humanmedizin viel gesehen hat. So arbeitete sie in vielen Kliniken von München über Freiburg, Maryland und Mainz – und ist Mitglied in 16 wissenschaftlichen Organisationen.

Ebenso gerne zitiert wird Claus Normann, Oberarzt der Abteilung Psychiatrie am Uniklinikum Freiburg. Er dient sowohl der Zeit, dem Spiegel und der Süddeutschen als „Erklär-Bär“. Für was wird Vigil eingesetzt? Für was Ritalin? Und was passiert dabei im Gehirn? Claus Normann scheint den Medien gegenüber stets eine Antwort auf diese Fragen zu wissen. Auch wenn er meist in den Artikeln nur kurz zu Wort kommt, so ist er doch ein oft zitierter Experte. Vielleicht ist seine lange Publikationsliste der Grund dafür, dass die Medien auf sein Fachwissen vertrauen.

Wenn es um Neuro-Enhancement in der Arbeitswelt geht, so ist Götz Mundle für die Medien stets zur Stelle. Er ist gleichzeitig ärztlicher Geschäftsführer und Chefarzt der Oberbergkliniken, in denen Depressionen, Abhängigkeitserkrankungen, Burn-outs und Angst- und Panikstörungen behandelt werden – und somit ein gern zitierter Experte, wenn es um das Thema Stress in unserer Arbeitswelt und Leistungsgesellschaft geht. Um seine Meinung Kund zu tun, nimmt er das Schreiben auch gerne selbst in die Hand: Er veröffentlichte im Spiegel einen Artikel mit dem Titel „Drogen im Büro – wie Manager ihr Hirn dopen“, in dem er seine Beobachtungen in der Klinik schildert und Ratschläge erteilt. Anscheinend haben einige unserer Medien angebissen und freuen sich über viele Beispiele von gestressten, dopenden Menschen mit Burn-out.

Text: Babette Jochum, Kerstin Pasemann, Verena Sesin