Eine Kaffepflanze mit kleinen heranwachsenden Bohnen. (Foto: Fernando Stankuns)

Koffein, Nikotin, Ethanol und Co – Hirn-Dünger der Marke Bio?

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Bei der Debatte um Neuro-Enhancement beleuchten Experten oft pharmazeutische und technische Mittel, die das Gehirn auf Hochleistungen trimmen sollen. Doch wie sieht es mit unserer Ernährung und dem vielfältigen Konsum von pflanzlichen Wirkstoffen aus? Immerhin nehmen wir eine breite Palette an natürlichen Enhancern ein. Sie etwa nicht?

Der französische Schriftsteller Honoré de Balzac trank bereits im 19. Jahrhundert bis zu 50 Tassen starken Kaffee täglich, bestehend aus Bourbon, Martinique und Mokka. Während Balzac mit einer Mönchskutte verkleidet war, schrieb er mit Hilfe von Wachmachern eine Vielzahl seiner literarischen Werke. „Der Kaffee gleitet hinab in den Magen, und dann gerät alles in Bewegung: die Ideen rücken an wie Bataillone der großen Armee auf dem Schlachtfeld“, steht in „Balzac. Eine Biographie“ von Stephan Zweig geschrieben. Ein Vorreiter des 21. Jahrhunderts? Immerhin gehört der aus der Kaffeebohne gewonnene Wirkstoff Koffein, der vor allem wach und aufmerksam macht, zum beliebtesten Genussmittel Deutschlands.

Koffein ist in Kaffee, Cola, Tee, Mate, Guarana, Energy-Drinks, Schokolade und in einer Reihe von Kombinationspräparaten enthalten. Darüber hinaus gibt es auch Kaffeeliköre wie den Kahlúa Especial (Mexiko), der einen extrem hohen Koffeingehalt hat und mit Ethanol vermischt seine volle Wirkung entfaltet. Denn ein paar Tropfen Alkohol besitzen das Potential, unsere Laune positiv anzuregen. Das geht auch aus einer 2001 publizierten Studie der Duke Universitätsklinik in Durham (North Carolina, USA) hervor, an der 132 Frauen teilnahmen. Die Frauen wurden in vier Gruppen unterteilt: Eine davon bekam keinen Alkohol, die zweite ein Placebo, die dritte ein wenig Alkohol (75 Milliliter Vodka) und die vierte viel Alkohol (125 Milliliter Vodka). Gegenüber den Frauen, die keinen Alkohol oder ein Placebo erhalten hatten, stellte sich bei den 66 Alkoholkonsumentinnen heraus, dass sie weniger Rastlosigkeit und innere Unruhe empfanden, während sie einen emotionalen Film schauten. Zu dem Ergebnis kamen die Studienführer mit der sogenannten Varianzanalyse (ANOVA).

Hochprozentiger Alkohol (Foto: Peter Niemayer Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Hochprozentiger Alkohol (Foto: Peter Niemayer Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Doch um die Leistung unseres Gehirns zu steigern, ist von Alkohol eher abzuraten. Die geistige Leistungsfähigkeit wird nach aktueller Sachlage eher verschlechtert – stark abhängig von der Dosis. Wie es in einer 2004 erschienen Studie auf der Internetseite der BMJ Group heißt, an der 1.464 Männer und Frauen im Alter von 65 bis 79 Jahren teilnahmen, beeinträchtigt der Wirkstoff Ethanol auf lange Sicht die kognitiven Fähigkeiten und erhöht die Gefahr, an Demenz zu leiden.

Doch was wäre ein frischer Bohnenkaffee, ohne dabei eine Zigarette zu rauchen? Einige kennen die Kaffeetrinker und Raucher bestimmt unter dem Kürzel „KK“, was so viel wie Kaffee-Kippe-Gruppe heißt. Diese Leute konsumieren täglich Nikotin, das die Ausschüttung von Adrenalin, Dopamin und Serotonin fördert. Es steigert unter anderem die Konzentration, die Gedächtnisleistung und hellt meist die Stimmung auf. Eine amerikanische Studie der medizinischen Fakultät von Wisconsins (Milwaukee, USA) kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Nikotin vor allem die Aktivierung, wie die visuelle Aufmerksamkeit, die Aufgeregtheit und die motorische Ansteuerung verbessert. Aber keineswegs wird das Trockenkraut nur geraucht. Der Schnupftabak aus der Dose wirkt etwas schwächer als die Filterzigarette. Über die Nasenschleimhaut wird das Nikotin aufgenommen.

Zigarette (Foto: SuperFantastic Lizenz: CC BY 2.0)

Glimmende Zigarette (Foto: SuperFantastic Lizenz:CC BY 2.0)

Abseits von Zigarette, Alkohol und Kaffee gibt es noch weitere Leistungsanreger, wie den Traubenzucker. Der darin enthaltene Wirkstoff Glukose fördert ebenso die Konzentrationszunahme. Wie sich in einer Umfrage einer Studie des Robert Koch-Instituts mit 6.142 Frauen und Männern zeigte, gaben 16,9 Prozent der Männer und 12,8 Prozent der Frauen an, bewusst Traubenzucker einzunehmen, um die geistige Leistung zu steigern. Durch die Einnahme erhöht sich der Blutzuckerspiegel und vergrößert das Konzentrationsvermögen, bis das Insulin den ausgelösten Energieschub wieder zügelt.

Traubenzucker (Foto: Paul Nasca, Lizenz: gemeinfrei)

Traubenzucker (Foto: Paul Nasca, Lizenz: gemeinfrei)

Bio ist auch das Johanniskraut, das häufig bei depressiven Verstimmungen verschrieben wird. Zwar ist die Wirksamkeit noch nicht wissenschaftlich erwiesen, dennoch wurde in einer österreichischen Studie der Medizinischen Universität Wien eine positive Beziehung zwischen Dosis und Wirkung bei leichten Depressionen festgestellt. Innerhalb von sechs Wochen wurde eine Linderung der tiefen Niedergeschlagenheit bei einer Dosisreichweite zwischen 600 und 1.200 Milligramm festgestellt. Insgesamt 157 Teilnehmer nahmen die Johanniskraut-Präparate ein, 60 Mitwirkende konsumierten Scheinpräparate.

Johanniskraut-Blüte (Foto: Michael H. Lemmer Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Johanniskraut-Blüte (Foto: Michael H. Lemmer Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Untermauert wird dies auch von Klaus Linde vom Kompetenzzentrum für Komplentärmedizin und Naturheilkunde der TU München in einer Meta-Analyse der Cochrane Collaboration. Tests mit 5.489 depressiven Patienten ließen Linde zu dem Ergebnis kommen, dass Johanniskraut genauso gut wie herkömmliche Antidepressiva ist und weniger Nebenwirkungen zeigt. Allerdings sagt auch Linde, dass es nur bei leichten bis mittleren Depressionen hilft. Bei schweren Krankheitsfällen versagt es.

Auch Ginkgo wird laut Werbeanzeigen im Internet als natürlicher Gehirn-Verbesserer gehandelt, der die Gedächtnisleistung und das Lernvermögen steigert, indem er die Durchblutung im Gehirn anregt. Die Wirksamkeit ist bisher sehr umstritten. Eine am 24. September 2012 veröffentlichte Meta-Analyse der Universität von Hertfordshire nahm 13 Studien unter die Lupe, an denen von insgesamt 2.567 Mitwirkenden 1.132 in die Kategorie Gedächtnis, 534 in exekutive Funktionen und 910 in Aufmerksamkeit eingeteilt waren. Das Fazit lautet: „Wir berichten, dass wir keine positiven Effekte von Ginkgo bei einer Reihe kognitiver Funktionen gesunder Menschen feststellen konnten.“ Ob dem wirklich so ist, bleibt abzuwarten, da aussagekräftige Langzeitstudien fehlen.

Gingkoblätter (Foto: THOR Lizenz: CC BY 2.0)

Gingkoblätter (Foto: THOR Lizenz: CC BY 2.0)

Ein anderer Anreger unseres Denkvermögens, der auf unser zentrales Nervensystem einwirkt, ist der Kakao mit seinem Wirkstoff Flavanol wie zum Beispiel das Epicatechin. Dazu ist kürzlich erst eine Studie vom Schokoriegelhersteller Mars und der Universität von L’Aquila erschienen, die allerdings aufgrund der Finanzierung durch das Unternehmen mit Vorsicht zu betrachten ist. Innerhalb eines Zeitraums von acht Wochen tranken 90 gesunde Menschen ab 65 Jahren regelmäßig Kakao. “In der ersten Zeit hat der regelmäßige Kakao-Flavanol-Konsum die kognitiven Funktionen bei älteren Erwachsenen mit früh schwindender Gedächtnisleistung positiv beeinflusst”, erklärt Studien-Autor Giovambattista Desideri, Direktor von der Abteilung Geriatrie (Altersheilkunde) der Universität L’Aquila. Damit sehen die Studienführer Chancen, den Abbau kognitiver Fähigkeiten älterer Menschen zu verlangsamen.

Kakaobohnen in der Frucht (Lizenz: gemeinfrei)

Kakaobohnen in der Frucht (Lizenz: gemeinfrei)

Ein weitere Studie der Fakultät für Psychologie und Klinische Sprachwissenschaften der University of Reading hat eine akute Verbesserung visueller und kognitiver Funktionen durch den Konsum von dunkler Schokolade bei jungen gesunden Erwachsenen festgestellt. Das Stück dunkle Schokolade (CHOXI+ von Prestat) hatte 38 Milligramm Koffein und 222 Milligramm Theobromin. Eine andere Gruppe nahm nur weiße Schokolade zu sich, die lediglich Spuren von Koffein und Theobromin enthielt. Laut der Studie haben die Dunkle-Schokolade-Esser nach durchschnittlich 2,5 Stunden eine Leistungssteigerung gezeigt. Eine mögliche Erklärung sehen die Studienführer in der Anregung der Gehirndurchblutung, wodurch die Teilnehmer aufmerksamer und motivierter an Aufgaben herangehen.

Dunkle Schokolade (Foto: Lee McCoy Lizenz: CC BY-ND 2.0)

Dunkle Schokolade (Foto: Lee McCoy Lizenz: CC BY-ND 2.0)

Alle genannten Stoffe und deren Wirkung hängen von der Dosis ab und variieren stark. Deswegen ist es schwer, eine Faustformel aufzustellen. So lässt eine große Portion Traubenzucker, den Blutzuckerspiegel zwar rapide steigern, doch wird bei zu hoher Dosis schnell Insulin gebildet, womit sich häufig eher ein Gefühl der Leistungsminderung einstellt. Ebenso führen hohe Menge Kaffee unter anderem zu Herz-Rhythmus-Störungen und innerer Unruhe. Eine Überdosis führt demnach zum Dis-Enhancement, also einem Leistungsabfall. Schon Paracelsus warnte vor der Dosis: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.“

Dass eine zu hohe Dosis giftig ist, musste der Schriftsteller Honoré de Balzac am eigenem Leib erfahren. Vor allem durch den exzessiven Kaffeekonsum litt er am Herzen und verstarb am 18. August 1850 aufgrund von Erschöpfung. „Seine Freunde pflegten zu sagen: er hat von 50.000 Tassen Kaffee gelebt und ist an ihnen gestorben.“

Text: Christoph Schön