Die Brusttasche eines Arztkittels, in der einige Stifte stecken.

Koffein im Krankenhaus

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

In einer psychiatrischen Klinik werden täglich Medikamente verschrieben, die als Neuro-Enhancer genutzt werden könnten. Ist Hirndoping dort ein Thema? Kommt es zu Missbrauchsfällen? Ein Interview mit Dr. med. Claudia Birkenheier, der Chefärztin einer Psychiatrie im Saarland.

Dr. med. Claudia Birkenheier ist seit 1999 Chefärztin und seit zwei Jahren auch ärztliche Direktorin der SHG (Saarland Heilstätten GmbH) Klinik in Völklingen. Ihre Fachgebiete sind Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie.

Haben Sie bereits Medikamente wie Ritalin, Antidepressiva, wie Fluoxetin oder Antidementiva, wie Piracetam verschrieben?

Ritalin verschreiben wir nicht, da es zwar eine leistungssteigernde, aber auch eine suchtgefährdende Wirkung hat. Piracetam hat keine wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung und wird deshalb nicht verschrieben, dafür aber andere Antidementiva. Fluoxetin verschrieben wir bei Depressionen. Es hat aber keine leistungssteigernde Wirkung. In Amerika ist es unter dem Namen Prozac bekannt, es gab einen Hype um dieses Medikament und es wurde über Kampagnen mit einer solchen Wirkung dafür geworben. Tatsächlich gibt es sie aber nicht.

Waren diese Medikamente in Ihrer Klinik schon einmal im Zusammenhang mit Neuro-Enhancement im Gespräch?

Wir behandeln dieses Thema nicht unter dem Begriff Neuro-Enhancement. Bei unseren Fortbildungen geht es eher um die Wirkung bestimmter Medikamente, die dann themenspezifisch durchgearbeitet werden. Der Rest ist nicht Sache der Ärzte in einer Klinik, finde ich.

Wie ist der Weg, bis solche Medikamente verschrieben werden?

Ich beschreibe es mal am Beispiel von Donapezil, einem Antidementivum. Der Weg sieht so aus: Der Patient wird wegen Störungen des Gedächtnisses, starken Stimmungsschwankungen oder ähnlichem  eingeliefert, dann gibt es einen psychologische und neurologische Untersuchung und verschiedene bildgebende Tests. Wenn sich danach rausstellt, dass es sich um eine  bestimmte Form der Demenz handelt kann es sein, dass Donapezil verschrieben wird.

Wie definieren Sie “Neuro-Enhancer”?

Zunächst halte ich eine Unterscheidung von bestimmten Stoffgruppen für sehr wichtig: Es gibt solche, die tatsächlich eine leistungssteigernde Wirkung haben, wie zum Beispiel Ritalin oder auch einfach Koffein. Außerdem gibt es Medikamente, denen eine solche Wirkung zugeschrieben wird, die sie aber nicht wirklich haben. Das sind nicht nur Fluoxetin, sondern auch Stoffe, wie das sogenannte Nashornpulver in Asien – fast in jedem Land gibt es etwas, das eine solche Wirkung haben soll. Außerdem gibt es noch Stoffe, die keine Wirkung auf die Kognition haben und denen auch keine nachgesagt wird. Eine Steigerung der Kognition bedeutet hier eine Steigerung der Konzentration, des Auffassungsvermögens und der logischen Funktion. Es gibt ein Antidementivum, Donapezil, was gegen Demenz eingesetzt wird. Ich habe vorhin schon davon gesprochen. Es ist bekannt, dass zum Beispiel Piloten dieses Medikament nehmen, bevor sie geprüft werden.

Welche Wirkung hat Donapezil auf gesunde Menschen?

Es soll, die Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit kurzfristig verbessern. Dazu kenne ich aber keine Studien. Ein Stoff bei dem ich mir ganz sicher bin, und über den es viele Studien gibt, ist Koffein. In der Praxis zeigt sich, wie wichtig Koffein geworden ist. Kein Krankenhaus auf dieser Welt funktioniert ohne Koffein. Teilweise werden zwei Kannen pro Person während der Nachtschicht getrunken. Für mich, ist es das verbreiteteste Hirndopingmittel. Wenn ein Wirkstoff wirklich eine leistungssteigernd wirkt, führt das auch dazu dass er benutzt wird. Drogen, zum Beispiel Kokain, Speed oder Amphetamine, kann man vermeintlich auch zu den Neuro-Enhancern zählen. Sie führen kurzfristig zu rasch aufflackernden Konzentrationsschüben. Das ist aber nur ein subjektiver Effekt, ein objektiver leistungssteigernder Effekt ist nicht nachweisbar.

Wie erklären Sie sich, dass gesunde Menschen, wie die Piloten, Donapezil nehmen können? Wie erhielten sie Zugang dazu?

Es gibt bei Medikamenten, die abhängig machen oder solchen, die angeblich oder nachgewiesenermaßen eine Konzentrationssteigrung hervorrufen, einen Schwarzmarkt. Hier weiß ich aber nur von Einzelfällen und nicht von großen Gruppen, die diese Medikamente über einen solchen Weg bekommen.

Haben Sie schon einmal davon gehört, dass gesunde Menschen Ritalin zur geistigen Leistungssteigerung nehmen?

Wir erleben in unserem Schlaflabor oft, dass Ritalin genommen wird, um eine Leistungssteigerung zu erreichen, wenn die Patienten aufgrund ihrer Schlafstörungen nicht konzentriert arbeiten können. Umgekehrt kommen aber auch Patienten zu uns, die Ritalin zur Leistungssteigerung genommen haben und daraufhin nicht mehr  gut schlafen können.

Wie schätzen Sie den zukünftigen Gebrauch solcher Medikamente ein?

Es gab in den letzten zehn Jahren wechselnde Auskünfte zu dem Thema. Ich war gerade auf einem  Kongress, DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie) in Berlin, wo es auch darum ging. Dabei gibt es zum Teil Aussagen darüber, dass Neuro-Enhancement zunimmt aber auch darüber, dass es abnimmt. Ich kenne noch keine belastbare Studie über einen Trend.

Wie stehen Sie selbst zu Neuro-Enhancement? Denken sie, dass sich der Gebrauch solcher Medikamente zum Hirndoping in Anbetracht der möglichen Nebenwirkungen lohnen würde?

Wenn man es so definiert, dass man einen Wirkstoff zu sich nimmt, um eine Leistungssteigerung zu erfahren, gehe ich davon aus, dass 90 Prozent aller Menschen Neuro-Enhancement betreiben, bei Koffein schon angefangen. Insofern ist davon auszugehen, dass es nicht nur eine Befürwortung, sondern sogar eine Notwendigkeit gibt. Zu den Nebenwirkungen kann ich nur sagen, dass man sehr vorsichtig sein sollte. Bisher haben noch keine Langzeitstudien mit gesunden Menschen stattgefunden.

Interview: Babette Jochum