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Kein Gehirndoping ohne Nebenwirkungen

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Neuro-Enhancement (NE) ist teuer, illegal – und funktioniert nicht. In Deutschland ist NE noch nicht weit verbreitet. Bis jetzt gibt es auch noch keine gravierenden Probleme durch die Einnahme von Neuro-Enhancern, zumindest nach der Einschätzung von Raphael Gaßmann von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.

Der Soziologe Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, weiß, warum nur ein kleiner Anteil der deutschen Bevölkerung versucht, seine kognitiven Leistungen mit Hilfe von Arzneimitteln zu steigern: „Der wesentliche Grund dafür ist die deutsche Gesetzeslage”. Erstens dürfe man in Deutschland keine Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente machen, in den USA dagegen schon. Zweitens seien in Deutschland mehr Medikamente verschreibungspflichtig als in den USA und Großbritannien. „Dort kriegt man manche Medikamente auch offiziell und ganz legal im Supermarkt, die man hier nur auf Rezept bekommt“, sagt Gaßmann.

Um die Ausbreitung von Hirndoping in Deutschland zu verhindern, sei es also wichtig, die gesetzliche Grundlage aufrecht zu erhalten. Falls diese geändert werde, „haben wir hier ein Jahr später Zahlen von Medikamentenmissbrauch und Medikamentenabhängigkeit, die explodieren werden, egal ob es Neuro-Enhancer betrifft oder Benzodiazepine als Schlafmittel“, vermutet Gaßmann.
Außerdem müsse Aufklärung betrieben werden. Hirndoping werde in der Öffentlichkeit „wesentlich unrealistischer und positiver“ dargestellt, als es eigentlich sei, sagt Gaßmann. Denn wer keine Diagnose habe, für die das verschreibungspflichtige Gehirndoping-Mittel ursprünglich entwickelt wurde, müsse es sich auf illegalem Wege beschaffen.

Im Leistungswettbewerb sei Gehirndoping ethisch fragwürdig. Außerdem habe noch keine Studie die leistungssteigernde Wirkung solcher Arzneimittel bei Gesunden bewiesen. „Im allerbesten Fall ist es nur illegal und teuer und wirkt nicht“, sagt der Soziologe, „in den Regelfällen hat es aber auch noch schädliche Wirkungen.“ Die erheblichen Nebenwirkungen der Medikamente dürften nicht außer Acht gelassen werden.

Trotzdem ist die Bereitschaft Neuro-Enhancement zu betreiben besonders bei jungen Menschen groß. Eine Untersuchung von Dr. Klaus Lieb und Dr. Andreas Franke im Jahr 2010 ergab, dass mehr als 80 Prozent der befragten Schüler und Studierenden einer leistungssteigernden und frei verfügbaren Pille ohne Nebenwirkungen nicht abgeneigt wären, falls sie existieren würde. Die Entwicklung eines solchen Arzneimittels hält Gaßmann für unwahrscheinlich. Es gebe kein psychisch deutlich wirksames Medikament ohne Nebenwirkung und es habe noch nie eines gegeben, verdeutlicht der Suchtfragen-Experte. Man könne nicht auf einen Schalter drücken, damit alles besser gehe, ohne zugleich andere Mechanismen zu beeinflussen. „Schon gar nicht in dem Bereich, wo Aufmerksamkeit, Zufriedenheit, Glück, Angst und Konzentration gesteuert werden“, betont Gaßmann. „Das ist das komplexeste, was die Natur auf unserem Planeten hervorgebracht hat.“

Text: Vanessa Laspe