Ein Vortrag zu Zeit und Kreativität | © Natalie Antoni

Im Wandel der Zeit und Kreativität

„Ich werde meinen Vortrag mit einem kleinen Selbstversuch beginnen“. Connie Walther – eine Regisseurin, Autorin und Dozentin aus Berlin – streckt ein blaues Fläschchen in die Höhe, öffnet es und trinkt es leer. Eine Mischung aus Ginkgo, Guaraná, Grüntee und Koffein. „Vielleicht kann ich mich jetzt besser konzentrieren, Ihnen schlauere Sachen erzählen und das eventuell in kürzester Zeit“, leitet Walther mit leicht ironischem Unterton ihren Vortrag ein.

„Zeit – ein mittlerweile kostbares Gut unserer Gesellschaft. Wir haben uns beschleunigt, doch gleichzeitig haben wir das Gefühl, die Zeit beschleunigt zu haben. Wir  leben länger und haben weniger Zeit. Das ist natürlich Unsinn.“

Walther konnte in ihrer Erfahrung als Regisseurin beobachten, wie sich der Status und der Wert der Zeit verändert haben. „In den vergangenen 25 Jahren habe ich miterlebt, wie der Arbeitsprozess enorm optimiert worden ist. Damals hat man 34 Drehtage für einen 90-minütigen Film, heute sind es nur noch 21 Tage, bei gleicher Länge und vergleichbaren Inhalten. Dazu machen wir heute- gesetzlich beschränkt –  weniger Überstunden.“

Entsprechend ist der Druck gestiegen. Walther benennt eine gewisse Beschleunigungseuphorie in ihrer Branche: „Die  Verdichtung von Leben, das ständig neue Einstellen auf Veränderungen macht uns anfälliger für Optimierungsbemühungen“, führt sie aus. Durch die Projektgebundenheit ist die Filmbranche besonders anfällig für die Selbstbeschleunigungssucht. Networking und  „Work by mouth“  seien wichtige Werkzeuge für die Jobfindung.

Heutzutage sei es einfach, die Leistungsfähigkeit legal zu steigern. Inzwischen könne man leistungssteigernde Substanzen rezeptfrei in der Apotheke  kaufen – wie auch Walthers blaues Fläschchen.  „Eine Win-win-win-Situation“. Für Wirtschaft, Pharmaindustrie und Konsument.

„Aber auch auf der Gegenseite hat sich etwas getan“, sagt Walther. Sei es die Nackenmassage für die Mittagspause, Yoga-Apps oder Entspannungstipps. „Die sogenannte Work-Life-Balance nimmt an Bedeutung zu“. Aber führt diese tatsächlich  zu mehr Kreativität?

Vor allem im kreativen Beruf, wie bei Walther als Regisseurin und Autorin, werde der Begriff „Kreativität“ inflationär benutzt. Die Kreativität selbst verliere aber tatsächlich an Bedeutung und die Effizienz rücke in den Vordergrund.

Walther betont, dass Kreativität nur im Zustand des Nicht-Gerichtetseins entstünde. „Dort wo Zeit ohne Druck empfunden werden kann, dort entsteht Kreativität“. Ein Einfall, sagt Walther in einem Wortspiel, komme von außen nach innen,  aber nicht in Form einer Substanz, die man einnehmen könne. „Es braucht das Erfahren, Erleben, Zeit, Staunen, Überraschung, Spiel und  – vor allem – die bedingungslose Absichtslosigkeit“, so Walther.  Es sei  an der Zeit, einmal wieder gründlich darüber nachzudenken, was wir mit unserer Zeit anfangen wollen. „Vielleicht ist das die wahre Kunst des Lebens“.

Natalie Antoni