Einige aufgeschlagene Bücher und Ordner. (Foto: Claudia Bahler)

Ich war geistig eingezwängt!

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Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Ritalin hilft Kindern mit ADHS, sich beim Lernen zu konzentrieren. Auch Robin musste es nehmen. Doch er entschied, es abzusetzen. Im Interview erzählt er, warum für ihn die Einschränkungen größer waren als der eigentliche Nutzen.

Robin studiert Biologie und Philosophie. Später möchte er Lehrer werden. In der Grundschule wurde bei ihm das Aufmerksamkeits-/ Hyperaktivitätsdefizitsyndrom (ADHS) zusammen mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche diagnostiziert. Bis zum Beginn der Oberstufe nahm er deswegen Ritalin. Dann entschied er sich, das Medikament abzusetzen.
Er erzählt, wie er heute mit dem Lernen in der Uni zurechtkommt und warum er sich damals gegen Ritalin entschieden hat.

Robin, wie läuft es zur Zeit in der Uni?

Unterschiedlich. In Philosophie läuft es ganz gut. Das ist hauptsächlich Lesearbeit. Ich habe zwar ein paar Schwierigkeiten wegen meiner Lese- und Rechtschreibschwäche, aber dieses Semester habe ich nicht so viele Prüfungen – das geht auf jeden Fall. Letztes Semester war es ein bisschen problematischer. Ich hatte sehr viele Bio-Klausuren. Außerdem bin ich von Chemie zu Philosophie gewechselt und musste deswegen eine Menge nachholen.

Nach Weihnachten beginnt für viele Studenten die Prüfungsvorbereitung. Wie bereitest du dich auf Klausuren vor?

Durch die unterschiedlichen Fächer läuft das ganz verschieden. Für Biologie lerne ich einfach nur alte Klausuren auswendig. Damit hat man die besten Notenaussichten. Es geht vor allem um Fakten: Welches Enzym spaltet was, wo und wann? Das ist für ein biologisches Verständnis eigentlich nicht relevant, vor allem nicht, um später mal in der Schule zu unterrichten. Aber das ist hier an der Uni die Form zu lernen und ich muss schauen, wie ich damit zurechtkomme.

Fällt dir das durch das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom schwer?

Ich kann das nicht genau sagen, weil ich nicht weiß, wie es ist, kein ADHS zu haben. Ich würde sagen, egal, wie viel oder was ich lerne, ich würde keine Eins schreiben. Die Stoffmengen sind einfach zu groß. Da braucht man wahrscheinlich eine Lernbegabung. In der Philosophie läuft es ganz anders ab. Ich lerne viel über Verknüpfungen zu anderen Fächern oder anderen Philosophen, es kommt weniger aufs Auswendiglernen an.

Bevor du in die Oberstufe gekommen bist, hast du zum Lernen Ritalin genommen. Wie ging es dir damit?

Vor allem in der Mathematik und den Sprachen war es sehr sinnvoll. Wenn ich Englisch-Vokabeln geübt habe, habe ich mit Ritalin für zehn Vokabeln zehn Minuten gebraucht, um sie mir zu merken. Ohne das Medikament eine dreiviertel Stunde oder sogar noch länger.

Fühlt man sich anders, wenn man mit Ritalin oder anderen Medikamenten lernt?

Ich habe mich auf jeden Fall anders gefühlt, geistig eingezwängt. Ich glaube, der Effekt des Medikaments war nach außen stärker als nach innen, aber es war definitiv ein Unterschied da. Ich war auch emotional ein wenig gehemmt.

In dem Zusammenhang spricht man ja auch oft vom „Denken in der Box“. Stimmst du dem zu?

Ja, das geht in die richtige Richtung. Es ist schwer, das zu beschreiben. Man wird fokussierter, ganz auf eine Sache fixiert..

Warum hast du dich später entschieden, das Medikament nicht mehr zu nehmen?

Es gab mehrere Gründe. Zum einen hatte ich das Gefühl, es wirkt nicht mehr so stark. Ich habe mir dann gesagt: ‘Hey, ich schaffe das auch ohne Medikamente!’ Zweitens ist mir bewusst geworden, dass ich dauerhaft unter einer medikamentösen Behandlung stehe. Dazu kam, dass ich das Gefühl hatte, nicht frei, sondern eingezwängt zu sein. Die Kreativität geht zum Beispiel verloren. Im Fach Deutsch war es ohne Ritalin häufig einfacher. In einer freien Erörterung wurde der Inhalt einfach besser, auch wenn die Rechtschreibfehler dann zunahmen.

Wie war die erste Klausur ohne Ritalin?

Ich habe das Ritalin beim Übergang von der Unter- in die Oberstufe abgesetzt. Natürlich sind meine Noten in allen Fächern erst einmal eingebrochen, aber das muss nicht nur am Ritalin gelegen haben. Ich habe auf jeden Fall einen Unterschied gemerkt. Ich bin von Einsen in den Zweier- und Dreierbereich abgesunken, aber das war es mit wert.

Wie beurteilst du es, wenn Studenten Ritalin nehmen, um bessere Leistungen in den Prüfungen zu erzielen?

Ich glaube, da schließt sich eine andere Frage an, nämlich, ob die Uni gerecht ist oder nicht. Ich persönlich denke, dass sie das nicht ist. Das Lernkonzept und die Klausuren sind unglaublich unfair. Der Biologieunterricht ist nur auf Leute ausgelegt, die stur auswendig lernen können. Ich habe das an mir selbst bemerkt. Dadurch verliert man die Fähigkeit zum logischen Denken. Deswegen würde ich für solche Fächer mal ironisch betrachtet fast empfehlen, Ritalin zu nehmen.

Denkst du, es ist gerecht, wenn ein Student zum Lernen Medikamente einnimmt und ein anderer nicht?

Ich denke, es ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist es natürlich eine Wettbewerbsverzerrung, vor allem wenn man es heimlich einnimmt. In der Uni sollte jeder, denke ich, an sich selbst den Anspruch haben, dass er für sich lernt, und nicht für jemand anderen. Ritalin als Leistungssteigerer zu nehmen ist ungerecht, vor allem aber sich selbst gegenüber. Man sollte zu sich selbst so fair sein, seine eigene Leistungsfähigkeit so hinzunehmen, wie sie ist.

Interview: Claudia Baier