Ein junger Mann sitzt vor einem Laptop und fasst sich verzweifelt an den Kopf. (Foto: flickr/miguelavg, CC BY-NC-ND 2.0)

„Ich nehme Ritalin® zum Lernen“

Meine erste Dosis Methylphenidat, bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin®, schluckte ich am Tag der Abschlussprüfung meiner Ausbildung zur Arzthelferin. Wenige Tage zuvor hatte ich mich, vom vielen Lernen total verzweifelt, bei meiner Mutter ausgeheult. „Weißt du, was du mal ausprobieren könntest?“, sagte sie zu mir und gab mir eine Medikinet®-Tablette aus dem Vorrat meines Bruders. Medikinet® enthält, genau wie Ritalin®, den Wirkstoff Methylphenidat. Direkt vor der Prüfung warf ich also ein Viertel der Tablette ein. Im Vergleich zu dem was mein Bruder täglich einnimmt, war das richtig wenig. Heute bilde ich mir ein, dass das Medikament mir damals geholfen hat. Ich hatte jedenfalls ein gutes Gefühl und habe auch bestanden.

In meiner Familie hat eigentlich jeder ADS – außer mir. Meine beiden Geschwister nehmen seit ihrer Kindheit Methylphenidat. Bei meinen Eltern wurde die Krankheit erst spät diagnostiziert. Sie haben nie Medikamente genommen.

Nach der Ausbildung habe ich mein Abitur nachgeholt, an Ritalin® dachte ich während dieser Zeit gar nicht. Es ging auch ohne ganz gut. Doch als ich dann zum Wintersemester 2013/14 anfing zu studieren, kam es mir wieder in den Sinn. Schon in der ersten Klausurenphase griff ich wieder zu den Tabletten. Mittlerweile nahm mein Bruder zwei Kapseln á 15 Milligramm Wirkstoff pro Tag. Er bekommt die immer in Rationen für sechs Monate. Da fällt es den Ärzten nicht so auf, wenn das neue Rezept eine Woche früher geholt wird. Diese Wochendosis nehme ich während der Klausurenphase.

Während dem Lernen genehmigte ich mir dann täglich eine Kapsel am Morgen. Es dauert jedes Mal ungefähr 30 Minuten, dann bekomme ich den totalen Tunnelblick, vergesse alles um mich herum, und kann einfach viel konzentrierter lernen.

Oft vergesse ich währenddessen auch zu essen und nehme während der Klausurenphase immer ein paar Kilogramm ab. Denn das Essen am Abend flutscht nur so durch – das sind aber auch die einzigen Nebenwirkungen, die ich bisher erlebt habe.

Im Endeffekt sind meine Leistungen nicht überragend, eher durchschnittlich. Ich glaube auch nicht, dass sie wesentlich schlechter wären, wenn ich kein Ritalin® nehmen würde. Dank der Tabletten kann ich einfach wesentlich effizienter lernen. Ich muss mir die Sachen nicht drei- sondern nur noch einmal durchlesen. Zwei Wochen nach der Klausur ist das angeeignete Wissen aber auch wieder weg – typisches „Bulimielernen“ halt.

Meine Kommilitonen wissen nicht, dass ich Ritalin® nehme. Ich würde es ihnen auch nie sagen. Es ist mir peinlich. Ich schäme mich dafür, dass ich zu solch unfairen Mitteln greife, nur damit ich es einfacher habe.

Im späteren Berufsleben will ich auf gar keinen Fall mehr zu Ritalin® oder anderen Mitteln greifen. Ich glaube kaum, dass ich im Arbeitsalltag so viel lernen muss, wie jetzt in der Universität. Und mit Stress an sich kann ich eigentlich ganz gut umgehen.

 

Dieser Text beruht auf einem Interview.

Christiane Schulmayer