Ein Mann hält sein eigenes Gesicht in der Hand, aus dem Kabel heraushängen.

Höher, schneller, gescheiter – Zukunftsforscher über die Chance von Neuro-Enhancement

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Zwar gibt es heute schon Medikamente, die die Hirnleistung steigern – doch nicht ohne Nebenwirkungen. Und vom Computer, der an unsere Neuronen angeschlossen wird, um uns zu übermenschlicher Intelligenz zu verhelfen, können wir nur träumen. Mithilfe von Experten wagen wir einen Blick auf die Zukunft des Neuro-Enhancements.

Auch unser Gehirn hat seine Grenzen: Selbst wenn unsere Gedanken manchmal springen, können wir nur einem nach dem anderen denken. Einige Philosophen, wie etwa die Transhumanisten, erwarten, dass sich das bald ändert. Technikgläubig gehen sie davon aus, dass sich der Mensch mit Hilfe von Hightech zu einer neuen und weitaus intelligenteren Lebensform entwickelt.

Das Szenario: In Zukunft sollen wir in der Lage sein, viele verschiedene Gedanken parallel zu verarbeiten. Zum einen werden wir schneller denken, die Taktung unseres Verstandes erhöht sich. Außerdem wachsen Fassungsvermögen und Vernetzung unseres Gehirns. Kurzum: Wir werden besser denken. Mit diesen Leistungssteigerungen befinden wir uns nach Idee der Transhumanisten schnurstracks auf dem Weg zur Superintelligenz. Doch wie wahrscheinlich ist das? Wie entwickelt sich pharmakologisches und technologisches Enhancement von heute?

Denn sie wissen nicht was sie tun

Schon heute gibt es eine Palette von Medikamenten, die bei Gesunden Laune, Gedächtnis oder Konzentration verbessern. Oft sind dies verschreibungspflichtige Mittel, die Gesunde zum Neuro-Enhancement zweckentfremden.  Doch bisher ist kaum erforscht, welche Auswirkungen diese Stoffe auf den Körper haben. Kerstin Cuhl vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung spricht davon, dass Menschen, die diese Medikamente ohne Rezept einnehmen, “überhaupt nicht wissen, was sie tun“.  So dauert es bei Methylphenidat, einem Arzneistoff gegen ADHS, sehr lange, bis  Patienten in Therapie darauf eingestellt sind. „Man bräuchte einen umfassenden Überblick aller Mittel mit deren Nebenwirkungen und Dosierung. Eine wissenschaftliche Grundlage fehlt und im Moment experimentieren die Menschen mit sich selbst“, erläutert Kerstin Cuhls. Bisher seien die langfristigen Nebenwirkungen nicht abschätzbar.

Ähnlich sieht das auch Arnold Sauter vom Büro für Technikfolgenabschätzung des deutschen Bundestages: “Ich halte es für nicht plausibel, dass man einzelne geistige Fähigkeiten durch Medikamente genau steuern kann.” Eines der Probleme sei, dass die Wirkstoffe unser Gehirn überschwemmen und nicht gezielt an einem bestimmten Ort angreifen. Für eine Zukunft, in der sich Menschen mit einer Pille zum Universalgenie wandeln, steht also noch viel Grundlagenforschung aus. Doch wie ist es um ein technologisches Neuro-Enhancement bestellt?

„Google im Gehirn“

Einer, der sich mit dieser Frage beschäftigt, ist Ray Kurzweil. Nach eigenen Angaben schluckt er jeden Tag 150 Mittel, um auf die Zukunft vorbereitet zu sein. Der viel zitierte Futurologe wartet jetzt schon darauf, dass seine Vision Wirklichkeit wird und sich seine Gedanken vertausendfachen. Er prognostiziert, dass 2029 der Computer die menschliche Intelligenz nachahmen kann. Seiner Ansicht nach werden dem Menschen Computer-Implantate eingebaut, bis schließlich Verstand und Maschine verschmelzen. Der Computerneurologe Anders Sandberg spricht in diesem Zusammenhang von „Google im Gehirn“.

Kerstin Cuhls ist dagegen der Meinung, der Mensch sei noch meilenweit davon entfernt, ein Gehirn nachzubauen. „Das, was ein Gehirn kann, werden die Maschinen noch lange nicht können – nicht in den nächsten 15 Jahren und auch nicht in den nächsten 50 Jahren.“ Auch hier sei das Problem, dass wir noch zu wenig wüssten. Zu allererst müsse verstanden werden, wie unser Gehirn funktioniere.

Aber schon heute gibt es erste Wege, über neuronale Implantate die Muster im Gehirn zu  beeinflussen. Menschen mit Parkinson oder Epilepsie kann ein Hirnschrittmacher helfen. Dieser setzt Impulse in entsprechenden Regionen des Hirns frei und kann so unwillkürliches Zittern oder epileptische Anfälle verhindern.

Jedoch ist der Stand der Technik nicht sehr einheitlich. Zwar können taube Menschen bereits mit Hilfe von Cochlea-Implantaten wieder hören. Doch ein Netzhaut-Implantat,  mit dem Blinde wieder vollständig sehen können, ist noch Zukunftsmusik. Mittlerweile können blinde Menschen grobe Kontraste und Konturen über Mikrochips, die unter die Netzhaut geschoben werden, ausmachen.

Neben so einschneidenden Methoden arbeiten Forscher auch daran, Maschinen durch Hirnwellen zu lenken. So haben kalifornische Forscher letztes Jahr eine Beinprothese entwickelt, die sich über die elektrische Aktivität des Gehirns steuern lässt.

Hirngesteuerte Katzenohren

Es gibt aber auch nicht so ernsthafte Anwendungen – für jeden der solche Technik schon heute testen möchte.  Eine japanische Firma bietet einen Haarreif mit flauschig-weißen Katzenohren an. Angeblich wackeln diese Plüsch-Lauscher nach dem Takt unserer Hirnwellen und vermögen so unsere Emotionen zu spiegeln.

Als wichtiger Schritt für ein technologisches Enhancement gilt es, eine Barriere zwischen Gehirn und Schaltkreisen zu überwinden. Schwierig wird es, zwischen der Architektur des menschlichen Gehirns und der binären Sprache eines Computers zu dolmetschen. Nicht nur deshalb sind ins Gehirn eingepflanzte Supercomputer noch in weiter Ferne. Doch wir fragen in zehn Jahren nochmal nach.

Text: Kerstin Pasemann