Heute ein Skandal, morgen normal

In der Zeitschrift “Gehirn und Geist” erschien ein Interview mit dem Mainzer Neurophilosophen Thomas Metzinger. Der Titel: „Schönheitschirurgie für die Seele“. Das Ergebnis: keine Panik! Denn trotz der vielen Bedenken, die es in Deutschland gegenüber Neuro-Enhancement gibt, ist der Philosoph gelassen. Wenn heute etwas als bedenklichen Eingriff in die menschliche Natur gelte, sei es schon morgen ganz normal, meint Thomas Metzinger. Als Beispiel nennt er die kosmetische Chirurgie. Die Hemmschwelle für körperliche Veränderungen sei mit der Zeit gesunken. Für den Mainzer Philosophen bedeutet Neuro-Enhancement „Schönheitschirurgie für die Seele“. Man verändere das Gehirn nicht von Grund auf, sondern optimiere bloß seine Funktionen. Sobald sich die Möglichkeit biete, einen Zustand durch technischen Fortschritt zu verändern, wolle man das auch tun. Als Beispiel nennt der Neurophilosoph die „leichte kognitive Störung“ bei Menschen ab Mitte 50. Früher sei es ganz normal, dass das Gedächtnis in diesem Alter etwas abbaue. Heute gebe man dafür die Diagnose. Für Metzinger spielt hier die Pharmaindustrie eine wichtige Rolle: „Wenn ich zehn Jahre lang an einem neuen, gedächtnisfördernden Medikament gearbeitet habe, brauche ich natürlich auch die passende Krankheit, um die Substanz verschreiben zu können – und schon ist eine neue Diagnose erfunden.“ Dass auch gesunde Menschen Medikamente nehmen, um den Geist zu optimieren, liegt für ihn an der Aufmerksamkeit in den Medien. Thomas Metzinger ist der Meinung, das löse ein Probierverhalten aus: „Selbst Leute die vorher nie etwas von Modafinil gehört haben, glauben jetzt, sie müssten losgehen und das mal testen.“ Um das zu vermeiden, müsse die mediale Debatte über Neuro-Enhancement nüchterner geführt werden als bisher.