Ein Esslöffel voller weißer Kapseln vor verschiedenen Obststücken.

Gute Laune – gute Noten?

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Einige Aminosäuren sind die natürlichen Neuro-Enhancer des Menschen. Sie sind Grundbausteine für Proteine. Es gibt sie als Nahrungsergänzungsmittel – einige sind von einer leistungssteigernden Wirkung überzeugt. Der Student Kaj Brunner etwa nimmt Aminosäurekapseln, um besser lernen zu können.

Ein Portraitfoto des Studenten Kaj Brunner.Ein typischer Morgen für Kaj: Der Wecker klingelt früh. Er steht auf, geht unter die Dusche und zieht sich an. Müde und antriebslos wirft er sich eine Handvoll Kapseln ein und spült sie mit einer Dose Energydrink runter. Er setzt sich vor den Computer und macht Musik mit einem schnellen Beat an. „Dann setzt die Wirkung ein. Ich fühle mich besser – motivierter. Ich habe Energie und kann richtig durchstarten“, erzählt Kaj Brunner. So beginnt der Student seinen Lerntag.

Der 23-jährige studiert im neunten Semester Sport und Philosophie auf Lehramt. „Vor drei Jahren hab ich zum ersten Mal die Aminosäuren Tyrosin und Acetyl-L-Carnitin in Form von Kapseln zu mir genommen”, erinnert er sich. Im Rahmen seiner Ausbildung zum Fitnesstrainer besuchte Kaj verschiedene Fortbildungen über Ernährungswissenschaft. Dabei eignete er sich sein Wissen über Nahrungsergänzungsmittel an. „So bin ich auf diese Aminosäuren gestoßen und dachte: Ich probiers mal aus“, erzählt Kaj.

Tyrosin und Acetyl-L-Carnitin als Neuro-Enhancer

Tyrosin ist eine nicht-essentielle Aminosäure, das heißt, dass der Körper sie in ausreichenden Mengen selbst herstellen kann. Sie ist der Ausgangsstoff von Stresshormonen wie Adrenalin oder Noradrenalin. Darüber hinaus wirkt sie als Botenstoff in den Nervenzellen. Dabei sorgt Tyrosin für eine gesteigerte Leistungsbereitschaft. Es macht wach, aufmerksam und ermöglicht es, in Stresssituationen schnell reagieren zu können. Tyrosin wird sogar als Wirkstoff in leichten Antidepressiva verwendet.
Acetyl-L-Carnitin (ALC) ist ein Ester der Aminosäure L-Carnitin und wird in Gehirn, Leber und Nieren gebildet. Es steigert die Produktion des Botenstoffs Acetylcholin. Wegen seiner strukturellen Gemeinsamkeiten mit Acetylcholin wirkt ALC auf den Parasympathikus, der zuständig ist für den Stoffwechsel, der Regeneration und dem Aufbau körpereigener Reserven dient. Er sorgt für Ruhe, Erholung und Schonung. Medizinische Studien belegen, dass ALC beispielsweise bei Alzheimer-Demenz die Leistung des Langzeitgedächtnisses steigert.

Mit guter Laune besser und langfristiger Lernen

„Besonders, wenn mir ein Thema keinen Spaß macht, greife ich auf die Aminosäuren zurück. Ich nehme sie nicht jeden Tag“, betont Kaj. Er beschreibt sich selbst als lernfaul. ALC und Tyrosin wirken stimmungsaufhellend. Dadurch bekommt Kaj gute Laune beim Lernen. „Die Aminosäuren helfen mir, mit dem Lernen überhaupt erst anzufangen. Nach ein bis zwei Stunden bin ich dann in einem Workflow. Darum geht es mir“, erklärt der Student. Durch die Enhancer motiviert er sich zum Lernen und „irgendwann werde ich konzentriert, aufmerksamer, wacher. Wenn du merkst, die Erarbeitung der Aufgaben läuft und dass das, was du machst, gut ist, dann bekommst du auch Spaß dabei.“

Mit guter Laune lässt sich besser und langfristiger lernen. Denn der Gehirnbereich Hippocampus speichert Erfahrungen ab, die das Gehirn zusammen mit positiven Emotionen gelernt hat. Diese ruft der Hippocampus nachts wieder auf und transferiert sie innerhalb von Wochen in die Gehirnrinde, wo sie langfristig gespeichert werden. In der Amygdala, einem Kernbereich des Gehirns, werden hingegen Erfahrungen gespeichert, die das Gehirn in einem neutralen oder negativen Gefühlszustand gelernt hat. Werden diese Lernerfahrungen abgerufen, kann es sein, dass das mit einem gewissen Angstgefühl verbunden ist. Kurz gesagt: Langfristiges Lernen funktioniert bei guter Laune besser.

Bei ihm dauere die Wirkung der Aminosäuren bis zu drei Stunden an, sagt Kaj. Zusammen mit Kaffee und schwarzem Tee halte der Effekt bis zu sieben Stunden an. „So bleibe ich in meinem Flow drin“, sagt Kaj. Der angehende Lehrer sagt selbst, dass er sich einen übertriebenen Effekt der Enhancer einbilde, um den eventuellen Placeboeffekt auszunutzen. Aber: „Effekt ist Effekt. Ob das Placebo ist, ist doch egal“, meint Kaj.

Zu wenig Zeit zum Lernen

Fakt ist: Jeder hat während eines Tages Phasen, in denen er besser oder schlechter arbeiten kann. „Wenn du jetzt etwas nehmen kannst, was gesundheitlich unbedenklich ist und dir den Tag einfacher macht, warum nicht?“, fragt Kaj. Doch für ihn gibt es auch Grenzen. Er würde keine Substanzen zu sich nehmen, die für ihn gesundheitsgefährdend sind. „Ich würde gar keine Enhancer nehmen, wenn sie nicht für jeden frei erhältlich oder zu teuer wären“, sagt der Student.
Wegen ihrer stimmungsaufhellenden Wirkung nimmt Kaj die Aminosäuren auch zum Feiern und im Job. Neben seinem Studium arbeitet er bis zu drei Mal in der Woche im Fitnessstudio und gibt Kinderjudotraining. „Ich habe sehr wenig Zeit zum Lernen, aber auch wenn ich mehr Freizeit hätte, würde ich die Enhancer nehmen“, ist sich Kaj sicher.

Bei der Ergänzung von Tyrosin sind keine Nebenwirkungen bekannt. ALC hat als häufigste unerwünschte Reaktionen Ruhelosigkeit, Übelkeit und Erbrechen. „Vor einer Vergiftung habe ich keine Angst. Erst bei der zehnfachen Menge treten Vergiftungserscheinungen auf“, erklärt Kaj. Diese Enhancer sind frei als Nahrungsergänzungsmittel in der Apotheke oder sogar beim Onlineversandhandel Amazon erhältlich. „Natürlich sollte man die Kapseln nur in Absprache mit einem Arzt einnehmen“, appelliert der Student. Das habe er auch seinen Freunden geraten.
Oft würden die gesellschaftlichen Konventionen die Leute davon abhalten, sich mit dem Gedanken Gehirndoping näher zu beschäftigen, beobachtet Kaj. „Koffein und Nikotin sind auch Enhancer. Sie sind nur gesellschaftlich akzeptiert. Aber wenn man hört: ‘Der nimmt Lernpillchen’, dann klingt das unterschwellig verwerflich“, sagt Kaj. Zu Schulzeiten war ihm klar, dass er keine leistungssteigernden Mittel nehmen wollte. Durch seinen Job als Fitnesstrainer habe er sich mit dem Thema befasst und sich dann bewusst für Tyrosin und ALC entschieden.

Leistung, Leistung, Leistung – zählt nur noch das?

„Was ich an der Gesellschaft nicht begreife ist, dass sie sich immer mehr an Leistung orientiert“, sagt Kaj. In der Gesellschaft ist Sportdoping ein großes Thema. Sportprofis stehen unter einem hohen Leistungsdruck, denn ihre Existenz hängt davon ab. „Die Gesellschaft geht immer mehr nach dem olympischen Prinzip: schneller, weiter, höher. Wären die Zuschauer bereit, sich Amateursport anzusehen, wären wir heute nicht so weit, dass sich die Sportler dopen müssen“, meint Kaj. Deswegen werde Hirndoping auch immer mehr zu einem Thema in Deutschland. In der heutigen Leistungsgesellschaft gebe es einen großen Konkurrenzkampf. Jeder müsse funktionieren und Bestleistungen erbringen.

Doch Kaj sieht sich selbst nicht von der Gesellschaft unter Druck gesetzt. Im Gegenteil: Er findet sogar gut, dass es gewisse Anforderungen gibt. „Man sollte sich ihnen stellen und nicht sagen: Gut ich nehme das Mittelchen und schaffe das wegen dem Mittelchen.“  Er selbst nehme die Neuro-Enhancer nur als Unterstützung. „Es hilft mir auf meine persönliche Bestleistung zu kommen. Ich schaffe meine guten Noten aus eigener Kraft und schreibe das nicht dem Mittel zu“, betont er. Die Aminosäuren würden ihn aus einem Müdigkeitszustand herausholen. Sie bringen ihn auf ein höheres Leistungspotential, das ihm inne wohnt: „Es motiviert mich einfach.“

Text: Doreen Dormehl