Friss oder stirb

Mööööp! Mööööp! Mööööp! Das dröhnende Geräusch des Weckers reißt mich aus dem Schlummerland. Ich schaue auf die Uhr: Es ist sieben. Viel zu früh zum Aufstehen, wie ich finde. Montags ist es immer besonders schlimm.

Meine Mitbewohnerin Susi reißt die Tür zu meinem Zimmer auf und brüllt: „Aufstehen Sonnenschein!“. Ich bewerfe sie mit einem Kissen. Interessiert sie aber scheinbar nicht. Sie rennt im Kreis durch mein Zimmer und singt vor sich hin. Dann bewegt sie sich endlich durch die Tür, raus aus meinem Zimmer. Langsam schiebe ich die warme Bettdecke nach unten und versuche mich zu erheben. Unglaublich, welche Anziehungskraft so ein Bett hat. Dennoch schaffe ich es, aufzustehen, in meine Kleider zu schlüpfen und ins Bad zu trotten. Nach dem Zähneputzen fühle ich mich immerhin schon etwas wacher. Ich gehe in die Küche und setzte mich zu Susi an den Tisch. „Wie viel hast du denn geschlafen, dass du jetzt schon so wach bist?“, frage ich sie. „Gar nicht“. Grinsend wedelt sie mit einem Tablettendöschen in der Luft herum. Aha, die Gute hat wohl wieder eine Nacht durch gelernt. Für ihre Klausur. Ein Hoch auf Koffeintabletten! „Guck mich nicht so vorwurfsvoll an. Die anderen machen das doch auch alle!“ Da hat sie wohl Recht. Willkommen im Jahr 2035.

Auf dem Weg zur Uni muss ich im Bus gegen den Schlaf kämpfen. Wäre blöd, wenn ich meine Haltestelle verpasse und zu spät zur Klausur komme. Ja, auch ich habe heute eine Prüfung. Und ja, auch ich habe gelernt. Aber statt Susi und den anderen ist mir mein Bett heilig. „Wer braucht schon Schlaf?“ fragt Susi immer. Ich brauch das, und zwar ganz dringend!

Ich schlurfe in den Prüfungsraum und setze mich an den Tisch. Aus meiner Tasche hole ich Wasser, einen Stift und einen Schokoriegel. Mein Sitznachbar guckt mich verwundert an: „Wie kannst du den Riegel da essen, wenn du gleich das Ritalin nimmst? Ich krieg dann nichts mehr rein.“ Wie oft wurde ich das schon gefragt. Zum letzten Mal Leute: Ich nehme keine Drogen! Ich weiß, es mag absurd klingen. Neuro-Enhancer machen das Leben und Lernen um einiges leichter. Dass ich meinen Körper mit dem Zeug aber nicht kaputt machen will, kapiert wohl keiner.

Während der Klausur schaue ich mich im Raum um. Natürlich bin ich die einzige, die den Blick von ihrem Blatt abwenden kann. Die anderen sitzen alle wie Zombies über ihrem Papier und schreiben wie die Wilden. Mein Blick trifft den der Dozentin. Sie sieht mich skeptisch an und zieht eine Augenbraue hoch. Schnell wende ich mich wieder der Klausur zu. Ist schließlich total unangebracht, kurz die Konzentration zu verlieren. Als die Zeit vorbei ist, gebe ich mein halb leeres Blatt ab. Ich verlasse den Raum und hoffe, die Prüfung bestanden zu haben. Und wenn es eine 4,0 ist, egal, ich will einfach nur bestehen. Ausnahmsweise Mal.

Auf dem Heimweg wünsche ich mir, früher geboren worden zu sein. Damals war es noch in Ordnung, Fehler zu machen. Zu schlafen. Mal nicht zu funktionieren. Aber seit Ritalin vor 5 Jahren legalisiert wurde, ist es aus dem Alltag kaum noch weg zu denken. Alle sind leistungsfähiger, arbeiten schneller und effizienter. Dementsprechend wird heute auch mehr erwartet, als noch vor 15 Jahren. Wer keine Drogen nimmt, kann nicht mithalten. Ganz nach dem Motto: Friss oder stirb. Und mit „friss“ meine ich Modafinil, Ritalin und Co.