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Eine Pille zum Mitfühlen

Was wäre wenn man eine Pille nehmen könnte und dadurch mitfühlender wäre? Oder wenn man schlechte Laune hat, ein Medikament einnimmt und plötzlich ist man glücklich und freundlich?

Genau mit dem Thema beschäftigt sich Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth in einem Artikel der dritten Ausgabe der Zeitung „Gehirn und Geist – Rätsel Mensch“. Das sogenannte „Moral Enhancement“ wird schon länger erforscht. Psychobiologin Mary Crockett von der University of Oxford hat dazu mit Probanden ein Gedankenexperiment durchgeführt. Diese sollten sich vorstellen, dass sie auf einer Brücke stehen und unter sich eine Bahn kommen sehen die auf fünf Gleisarbeiter zu rast. Auf der Brücke steht auch ein Mann der dick genug sei um den Zug zu stoppen, wenn man ihn runter schubsen würde. Die Psychobiologin hat die Probanden gefragt ob sie den Mann neben sich opfern würden wenn sie dadurch mehr Menschen retten könnten. Im ersten Versuch stellte sie fest, dass vier von zehn Probanden den Mann von der Brücke schubsen würden. Nach der Einnahme des Neurotransmitters Serotonin sank im zweiten Versuch die Zahl der Menschen die eine Person opfern würden um mehrere Menschen zu retten. Die Einnahme des Botenstoffes hat laut Crockett also das soziale Miteinander beeinflusst.

Mehrere solcher Experimente werden in dem Artikel „Einmal Moral forte, bitte!“ vorgestellt. Verschiedene Medikamente, meistens bereits körpereigene Hormone verstärken dabei die bereits anerzogenen und angeborenen Vorstellungen von Moral. Doch Moral Enhancement ist stark umstritten. Einerseits gibt es das Problem, dass Moral nicht festgelegt werden kann. Außerdem kritisiert Philosoph Owen Schaefer das Eingreifen in den menschlichen Verstand. „Die klassischen Methoden zur Stärkung der Moral- also Erziehung und das Rechtssystem- wirken von außen, sie verändern nicht die eigenen Gedanken“, so der Kritiker. Das Eingreifen in die Hirnchemie sei fast eine Gehirnwäsche.

Doch „Moral Enhancement“ wird bereits angewendet, schreibt Autor Volkart Wildermuth. Männer mit pädophilen Neigungen nehmen zur Selbstkontrolle Antiandrogene die das männliche Sexualhormon Testosteron dämpfen. In einigen US-Bundesstaaten wird diese Art von Behandlung bei Sexualstraftätern auf freiwilliger Basis eingesetzt und in Einzelfällen gegen den Willen des Straftäters angeordnet. Doch wie wirksam ist das, wenn diese Pillen nur die schon vorhandenen moralischen Einstellungen unterstützen?

Die vorherrschende Skepsis unter Philosophen bleibt.  Wollen wir eine Pille nehmen die uns nett macht, was andere ausnutzen könnten? Würde die Hirnforschung missbraucht werden um Hemmschwellen abzubauen und Menschen rücksichtsloser zu machen? Die Einnahme von Hormonen kann Erziehung und Gesellschaft nicht ersetzen. Wildermuth hält die weitere Erforschung der Steigerung von Empathie und unterstützt dies mit einem Zitat von Philosoph Guy Kahane: „Egal ob wir nun Moralpillen nehmen oder nicht, unser Charakter verändert sich. Selbst wenn wir nicht zu Superempathikern werden wollen, sollten wir zumindest dafür sorgen, so mitfühlend zu bleiben, wie wir sind!“