Die Pille zum Wachbleiben

Unter Koffeintabletten stellt man sich zunächst nichts Schlimmes vor. Die meisten Menschen trinken mehrere Tassen Kaffee am Tag, ob zum Frühstück oder zum Kuchen. Also wo ist das Problem? Unser Interviewpartner Holger Dick erzählt von seiner Erfahrung mit Koffeintabletten und was er heute über die Einnahme denkt.

Wie alt sind Sie und was machen Sie beruflich?

Ich bin 25 Jahre alt und arbeite als Gießerei-Mechatroniker in der Industrie.

Was sind die Herausforderungen in ihrem Beruf?

Die Herausforderungen sind die Schichtzeiten. Mal Frühschicht, mal Spätschicht und ganz selten mal Nachtschicht arbeiten. Das zeigt ganz klar die Schwierigkeit: die plötzliche und lang-dauernde Umstellung von einem normalen Tag-Nacht-Rhythmus zum früh-Aufstehen und lange Wach-Bleiben. Bei der Arbeit muss man körperlich fit sein und einen klaren Kopf bewahren, sodass man nichts falsch macht. Denn es kann viel kaputt gehen, und auch bei kleineren Dingen die zu machen sind, können bei Schäden hohe Summen an Geld anfallen – bis in den sechsstelligen Bereich.

Kann man da auch von einem enormen Druck bei der Arbeit sprechen, unter dem Sie stehen?

Ja, definitiv.

Wie  versuchen Sie mit dem Druck und den Herausforderungen umzugehen?

Das Wichtigste ist auf jeden Fall, fit und wach zu bleiben. Man kann natürlich nicht während der Arbeit schlafen, deswegen gibt es zwischendurch immer mal eine Kaffeepause. Und gerade in der Nachtschicht ist es so, dass man viel Espresso und Energydrinks trinkt. Körperlich und geistig wach zu bleiben ist einfach Pflicht.

Und wenn das nicht hilft?

Einmal habe ich, für eine bevorstehende Nachtschicht, Koffeintabletten über einen Kollegen vom Fitnessstudio bekommen. Sogenannte „Booster“, die vom Koffeingehalt drei Dosen Redbull entsprechen. Wenn man die einnimmt, leistet man mehr und bleibt auch fit. Aber vorher weiß man nicht unbedingt, was danach alles passiert. Man denkt einfach nur: „Ich nehme die ein und dann bin ich wach.“

Sie sagten, dass Sie es „einmal“ ausprobiert hätten. Was ist denn passiert?

Als ich die Tabletten genommen habe, merkte ich ihre Wirkung relativ schnell und war hellwach. Vorher hatte ich leider keine Zeit, etwas zu essen. So hat es mir schnell auf den Magen geschlagen und ich habe starke Krämpfe bekommen. Man muss nach der Einnahme natürlich auch viel trinken, woran man während der Arbeit auch nicht unbedingt denkt. Dann kamen Kreislaufbeschwerden dazu. Leider war das noch nicht alles: Über zwei bis drei Tage hinweg hatte ich das Gefühl, dass mein Herz komisch schlägt, mal zu langsam, mal zu schnell. Ich hatte Atemprobleme und einen enormen Druck auf der Brust.

Wie fühlten Sie sich während der Beschwerden? Haben Sie sofort eine Verbindung zu den Koffeintabletten entdeckt?

Ich habe mich sehr hilflos und ängstlich gefühlt. Ich dachte, dass ich etwas Schlimmes am Herz habe. Natürlich überlegt man dann, wovon die Symptome kommen könnten. Zuerst konnte ich es mir nicht erklären. Als dann das Herz raste, hab ich mir schon gedacht, dass die Koffeintabletten der Auslöser waren. Daraufhin habe ich die Tabletten sofort entsorgt.  

Sie erwähnten, dass sich die Symptome über zwei bis drei Tage hinweg zogen. Wie ging es dann weiter?

Meine Angst, dass ich etwas am Herz haben könnte, wurde immer größer, sodass ich am dritten Tag zum Arzt bin. An diesem Tag waren die Kreislaufprobleme und das Herzrasen so schlimm, dass ich in der Arztpraxis beinahe einen Kreislaufzusammenbruch hatte. Dort hat der Arzt mir bestätigt, dass die Symptome definitiv von den Koffeintabletten kommen. Diese waren viel zu hoch dosiert, hätten meinen Blutdruck in die Höhe schießen lassen und den Anschein erweckt, mein Herz würde schneller und unregelmäßig schlagen.

Was denken Sie rückblickend über die Einnahme von Koffeintabletten?

Die Einnahme kann auf jeden Fall gefährlich sein. So etwas sollte wirklich nur nach Rücksprache mit dem Arzt eingenommen werden. Aber aus Lust und Laune sollte man Koffeintabletten auf keinen Fall einnehmen.

Glauben Sie, man unterschätzt heutzutage die Einnahme von solchen alltäglichen Hirndoping-Mitteln?

Ja auf jeden Fall! Man unterschätzt solche Mittel, die man ja eigentlich alltäglich als Flüssigkeit in Form von Kaffee oder Energydrinks zu sich nimmt. 

Woran liegt ihrer Meinung nach das Problem, dass man heutzutage nicht richtig über die sogenannten Neuro-Enhancer aufgeklärt ist?

Nehmen wir Jugendliche als Beispiel: Die meisten interessieren sich einfach nicht für die Nebenwirkungen und denken nicht über Risiken nach. Sie wollen viel ausprobieren, dazu gehören und „cool“ sein. Trotzdem sollte man sich vorher ausgiebig über die Mittel informieren, die man einnehmen will. Vielleicht sollte in Schulen, ab einer bestimmen Klasse, eine Art Aufklärungskurs über Neuro-Enhancer als Pflichtfach festgelegt werden. Dort hat man noch die Möglichkeit, früh genug über Risiken aufzuklären. Und vielleicht können wir dann von unseren Kindern lernen.

Haben Sie ein abschließendes Statement zum Konsum von Koffeintabletten?

Leider muss ich hier sagen: Aus Fehlern lernt man. Die Risiken habe ich am eigenen Körper spüren müssen. Und dieses Gefühl, dass etwas mit dem Herz nicht stimmen könnte, wünsche ich keinem. Das ist es einfach nicht wert.

 

Hinweis: Zum Schutze der Privatsphäre des Interviewpartners wurde der Name geändert.