Ein junger Mann sitzt vor einem Laptop und fasst sich verzweifelt an den Kopf. (Foto: flickr/miguelavg, CC BY-NC-ND 2.0)

Der „Lance Armstrong“ im Klassenzimmer

Hinweis
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Doping im Sport ist allgegenwärtig, im Klassenzimmer kaum vorstellbar. Verschiedene Medikamente, auch Neuro-Enhancer genannt, ermöglichen es jetzt aber Studenten und Schülern ihre Vokabeln innerhalb kurzer Zeit zu lernen und die Klausuren mit Bestnoten zu bestehen. Sollten jetzt nach der Prüfung alle zum Dopingtest?

Sportler steigern ihre körperliche Leistung mit verschiedenen Medikamenten, wie zum Beispiel Epo. Damit verschaffen sie sich einen unerlaubten Vorteil gegenüber ihren Kontrahenten. Inzwischen haben Studien herausgefunden, dass auch Schüler und Studenten sich durch Medikamenten Vorteile zu verschaffen versuchen. Allerdings nicht im Schulfach Sport, sondern zum Beispiel während dem Mathe-Abitur oder der Medizin-Klausur.

Ist das gerecht? Wie soll man mit Neuro-Enhancement (NE) in Prüfungen – oder allgemein im Bildungssystem – umgehen? Für Martha Farah, Hirnforscherin an der University of Pennsylvania, wären Dopingtests, eine Lösung. Sie hält es für durchaus vorstellbar, dass es solche Kontrollen bald an amerikanischen Universitäten geben wird.

Hier in Deutschland gestaltet sich diese Angelegenheit etwas schwieriger. Das liegt größtenteils daran, dass NE erst seit kurzem als Problem in das öffentliche Bewusstsein getreten ist. Auf die, nun notwendige, Frage nach dem Vorgehen gegen Gehirndoping reagierten die meisten Befragten verständnislos und überfordert. „Nein, da haben wir uns keine Gedanken gemacht“, bestätigt der Schulleiter des Justus-Liebig Gymnasiums in Darmstadt. Es sei allerdings auch nicht möglich den Schülern ein Medikament zu verbieten.

Damit weist er auf ein neues Problem hin. Wie lässt sich überhaupt sicher feststellen, dass der Schüler ein Medikament wie Ritalin braucht oder es nur zur Prüfung nimmt. Ein Attest könnte hier nur teilweise helfen. Eltern, die Mediziner sind, kommen leicht an Neuro-Enhancer und könnten ihrem Kind so einen Vorteil verschaffen wollen. Eine Umfrage der Nature ergab immerhin, dass 30% der befragten Leser ihren Kindern diese Mittel geben würden. Vorraussetzung sei, dass andere Kinder die Medikamente auch nehmen würden.

Das eigentliche Problem liegt allerdings in der Gesetzgebung. Rechtsanwalt Wolfgang Zimmerling ist unter anderem für den Bereich Prüfungsrecht zuständig. „Es gibt bis jetzt keine vernünftige Rechtsgrundlage“, stellt er fest. Was nicht in der Prüfungsordnung stehe, sei grundsätzlich erlaubt. Und auch wenn festgehalten wäre, dass ein bestimmtes Medikament nicht erlaubt ist, so würde dies das Problem nicht lösen. Denn die meisten Schüler und Studenten nähmen die Präparate während der Vorbereitungszeit um besser lernen zu können und nicht während der Prüfung selbst.
Ein weiterer Faktor ist die Vielzahl an „Dopingmitteln“. „Dem einen reicht eine Tasse Kaffee, der Andere trinkt ein Glas Sekt, ein Dritter greift lieber zum Beruhigungsmittel und wieder ein Anderer nimmt vielleicht Ritalin“, erklärt Zimmerling. Es sei schwierig klar abzugrenzen was Gehirndoping sei und was nicht.

„Jeder hat seine eigenen Methoden und jeder will sich alle Vorteile beschaffen, die er bekommt“, meint Fabian Straß, Student für Sport und Religion auf Lehramt. „Andere haben eben Altklausuren oder versuchen anders an Ergebnisse zu kommen.“ Er findet Maßnahmen wie Dopingkontrollen gegen Neuro-Enhancement übertrieben. “Höchstens vor Sportprüfungen könnte man so etwas machen” räumt er ein. Aber vor Prüfungen wären sie nicht nötig.

Solche Kontrollen wären auch schwierig umzusetzen, bedenkt Zimmerling. „Es gibt durchaus Fächer in denen ein Test sinnvoll wäre“. Medizin wäre ein solches Fach, während man bei Archäologie eher auf eine Kontrolle verzichten könne meint der Rechtsanwalt. Ein Medizinstudent, welcher mit NE seine Stresssituationen in der Studiumsphase bewältige, würde eher dazu tendieren auch im Berufsleben dazu zu greifen. Was auch dazu führen könnte, dass der zukünftige Arzt verzweifelten Studenten eher bestimmte Medikamente verschreiben würde.

„Bei einem Archäologiestudenten macht eine Kontrolle nicht so viel Sinn. Weil er im späteren Leben weniger Gefahr läuft noch einmal damit in Kontakt zu kommen“, erklärt Zimmerling. Ein weiteres Beispiel, bei dem Kontrollen fehl am Platz seien, wäre das Fach Kunst. „Viele Künstler geben an, nur in Rauschzuständen ihre besten Werke zu kreieren“, bemerkt Zimmerling. Und wer will schon künstlerisches Treiben verhindern?

Von diesen Beispielen einmal abgesehen liegt zurzeit auch keine Rechtsgrundlage vor, die das Lernen und Üben mit Neuro-Enhancern verbieten würde. Das Prüfungsrecht beziehe sich auf die Prüfung selbst, nicht auf die Lernzeit davor. „Nimmt der Schüler solche Mittel vor der Prüfung obliegt es seiner alleinigen Verantwortung“, erklärt Zimmerling.

Der Rechtsanwalt hält es jedoch für denkbar, dass man in den Prüfungsordnungen erlaubte und nicht erlaubte Hilfsmittel definieren könnte. So wie es in Juraprüfungen bereits üblich sei. Zurzeit stünden aber auch auf den Jura-Listen keine Medikamente, sondern Gesetzestexte und dergleichen. „Was dann aber nicht auf den Listen steht ist grundsätzlich trotzdem erlaubt“, stellt er fest, was eine gründliche Definition der unerlaubten Mittel verlangen würde.

Es wäre allerdings Sache der Schulen und Hochschulen solche Regelungen einzuführen. Es gäbe bereits Rahmenordnungen, aber diese dienten nur zur Orientierung. „Bis sich da in der Gesetzgebung wirklich etwas ändern wird, werden noch viele Jahre vergehen“, meint Zimmerling.

Text: Marie Mink