Eine rosa Pillendose liegt auf dem Tisch, davor liegen zahlreiche weiße Pillen.

Bioethiker Galert: Skepsis ja, Verbote nein

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Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Der Einsatz von Neuro-Enhancement (NE) ist in der deutschen Gesellschaft durchaus umstritten. Doch ist das wirklich gerechtfertigt? Das Memorandum „Das optimierte Gehirn“, das 2009 in der Zeitschrift Gehirn und Geist erschien und die Aufmerksamkeit der Medien auf das Thema NE lenkte, setzt sich mit der Kritik zu diesem Thema auseinander.

Ein Portraitfoto von Thorsten Galert.

Wenn es um Neuro-Enhancement (NE) geht, ist oft von Hirndoping oder gar Medikamentenmissbrauch die Rede. Diese Begriffe sind negativ behaftet – und damit auch das Phänomen, das sie beschreiben. Dabei wird das Bestreben, die geistige Leistungsfähigkeit oder das seelischen Befinden zu verbessern, im Allgemeinen positiv bewertet. Übungen wie Denksport oder Meditation genießen besonderes Ansehen – moralische Bedenken gibt es nicht.

„Insgesamt kann und sollte man eine liberale Position einnehmen, aber es gibt keinen Grund unkritisch oder sorglos zu sein“, meint Thorsten Galert, Bioethiker am Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften, zur Debatte über NE. „Das Thema Suchtgefahr ist sicherlich relevant. Die Frage ist, ob deshalb von vorne herein über Verbote nachgedacht werden sollte.“

Das optimierte Gehirn?

Zusammen mit sechs weiteren Forschern veröffentlichte Galert 2009 das Memorandum „Das optimierte Gehirn“. Darin beschäftigen sich die Forscher unter anderem mit den Ursachen des schlechten Rufs von NE. Im Memorandum weisen die Wissenschaftler immer wieder deutlich darauf hin, dass es die Wunderpille ohne Nebenwirkungen nicht gibt. Bei heute verwendeten Antidepressiva sei fraglich ob diese, wenn sie von gesunden Menschen eingenommen werden, überhaupt das psychische Befinden verbessern. Auch in absehbarer Zeit werde es wohl keine Präparate geben, die eine Fähigkeit verbessern, ohne starke Nebenwirkungen zu verursachen, glaubt Galert.

Substanzen wie Ecstasy, die die Stimmung aufhellen, stehen unter Verdacht, neben schweren Nebenwirkungen eine hohe Suchtgefahr zu bergen. Aber auch Neuro-Enhancern werden verschiedene Risiken nachgesagt. Ein Einwand von NE-Gegnern, der auch im Memorandum angesprochen wird, ist die Befürchtung, NE könne das Wesen des Einzelnen gefährden – bis hin zu starken Persönlichkeitsveränderungen.

Im Memorandum gehen die Forscher darauf ein. Sie stellen fest, dass eine Persönlichkeitsveränderung in manchen Fällen das Ziel von NE sei, und dass das nicht immer negative Auswirkungen haben müsse. Es hänge aber stark von der individuellen Persönlichkeit des Konsumenten, von der Reaktion der Mitmenschen auf die Leistungssteigerung und der Einstellung der Gesellschaft ab. Kritiker geben zu bedenken, dass ein Verlust an Frustrationstoleranz oder des Durchhaltevermögens zu beklagen sein könnte. Doch das Memorandum hält entgegen, dass die Situation mit gedopten Spitzensportlern verglichen werden könne. Diese seien auch nach dem Doping weder unmotivierter noch weniger ehrgeizig als zuvor.

Sollte NE wirklich verboten werden?

„Mir gibt die Kritik am meisten zu denken, die sich um die gesellschaftlichen Entwicklung dreht, wenn sich Neuro-Enhancement verbreiten sollte“, erklärt Galert. „Diese Bedenken erscheinen mir besonders stichhaltig.“ Kritiker glauben, NE könne zu Verwerfungen im gesellschaftlichen Gefüge führen, sodass Wissen in Zukunft ein Privileg der Reichen werden könnte. Galert meint: „Setzen wir voraus, es gäbe hocheffiziente Präparate. Dann könnte es in Grenzfällen sogar dazu kommen, dass bestimmte gesellschaftliche Rollen nur noch von Personen ausgekleidet werden können, die Neuro-Enhancer eingenommen haben. Es wäre höchst bedenklich, wenn manche Positionen nur noch denen offen stünden, die das nötige Geld haben, um sich solche Präparate leisten zu können.“

Galert relativiert jedoch, dass das Ganze auch eine ausgleichende Funktion haben könne. Nämlich dann, wenn Neuro-Enhancement bei Personen mit schlechteren kognitiven Fähigkeiten sogar besser wirke als bei Personen, die sich bereits im oberen Bereich der Leistungsskala befinden würden. „Es ist nicht so, dass alles, was zu Gerechtigkeitskonflikten in unserer Gesellschaft führen könnte, immer mit Verboten beantwortet werden muss.“

„Computer und Handys konnten sich zu Anfang auch nur die Wohlhabenden leisten“, sagt Galert. „Trotzdem wäre niemand auf die Idee gekommen, die Entwicklung solcher Geräte zu verbieten. Einfach, weil der Nutzen, der aus diesen Technologien hervorgeht, die möglichen Nachteile in puncto Chancengleichheit überwiegt.“

Leistungsdruck gleich Einnahmezwang?

Ein weiterer Punkt wird oft an NE kritisiert: Durch die vermehrte Einnahme von Leistungssteigerern könnte es zu einer Art gesellschaftlichem Zwang zur Einnahme kommen. Galert entgegnet, dass die Hauptbesorgnis darin liege, „zu im Geiste manipulierten Konsumenten zu werden“, wie es schon durch Werbung der Fall sein soll. Man müsse aber erst einmal abwarten, wie sich so ein kollektiver Druck entwickeln und wie stark er würde. „Sehr häufig geht es bei dem Nötigungsdruck, der von NE-Gegnern befürchtet wird, um die Bedrohung einer Idealvorstellung von Autonomie. Bei dieser ist nur eine solche Handlung wirklich selbstbestimmt, die durch keinerlei äußere Zwänge oder Druckphänomene zu Stande gekommen ist.“

Schnelle Verbreitung von NE?

Zudem werde die öffentliche Debatte stark von der Medienberichterstattung geprägt. „In den Medien wird vorwiegend kritisch über das Phänomen berichtet. Das hat sich wohl in der öffentlichen Meinung niedergeschlagen.“ Laut Galert gibt es in Deutschland eine „traditionell große Skepsis“ gegenüber der Nutzung von Psychopharmaka, die nicht in allen Ländern genauso ausgeprägt wäre. Doch Galert sagt auch, dass diese „Scheu der Deutschen“ vernünftig sei, solange nicht klar sei, dass ein Präparat sicher ist. Galert hält dies für einen der Gründe, der gegen eine schnelle Verbreitung von NE in Deutschland spricht.

Text: Jessica Görich