Bildung versus Perfektion – Wo beginnt Verbesserung und wo hört das Menschsein auf?

Das Symposium „Neuro-Enhancement in der Bildungs- und Arbeitswelt“, das am Freitag an der Hochschule in Darmstadt stattfand, startete mit dem Vortrag „Bildung versus Perfektion“ von Dr. Thomas Damberger, einem Philosophen.

In seinem Vortrag führte Damberger durch die menschliche Geschichte und zeigte, dass der Druck der Arbeitswelt schon in ferner Vergangenheit zu beobachten war. „Der Mensch als Perfektion“ – wenn das zuträfe, wäre der Mensch fertig, er wäre abgeschlossen und nur noch ein Ding – so beschreibt es der Philosoph.

Bereits im 18. Jahrhundert wurde der Druck des Arbeitsmarktes deutlich. Die Agrarkultur setzte klare Grenzen zwischen Bauern und ihren Besitzern. Die Leibeigenen gehörten nicht sich selbst und litten unter der enormen Abhängigkeit. Sowohl von ihren Lehnsherren, als auch von der Natur, die Arbeitszeiten und Ernte bestimmte. Doch die Industrie veränderte bald das Bild des Arbeitens. Durch neue Technologien konnte vieles schneller und geschickter gemacht werden. Um diese bedienen zu können, war erstmals Bildung erforderlich – der Druck auf die einfachen Arbeiter stieg. Doch wer konnte sich die Schule leisten, wenn man sich nicht einmal selbst gehörte? Die Preusische Revolution im 19. Jahrhundert brachte die Freiheit der Leibeigenen. Aber Freiheit bedeutete nur, sich eine komplett neue Existenz aufbauen zu müssen – ohne Lehnsherren und damit ohne Grundlage und Besitz. Die Menschen zog es in die Städte, wo sich der moderne Arbeitsmarkt befand. Der Kampf um die neuen Arbeitsplätze begann in Fabriken. Der Mensch war nur noch durch seine Bildung wertvoll. Dieses neue Bild zieht sich bis in unsere heutige Zeit. Menschen sind eingeschränkt – können nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten handeln, können sich schulisch nur weiterbilden, wenn die finanzielle Situation der Familie es zulässt und die Voraussetzungen erfüllt sind. Ein ständiger Konkurrenzkampf. Damberger brachte hier einige Beispiele: Flüchtling gegen Akademiker, extrovertierte gegen introvertiertee Menschen. Doch was würde passieren, wenn es möglich wäre, den eigenen Rahmen zu verschieben?

Wären somit Neuro-Enhancer eine Verbesserung des Menschen? Mittel einnehmen, um besser als die Konkurrenz zu sein? Um dem Wettbewerbsdruck Stand zu halten? Um den Druck in der Arbeitswelt zu verdeutlichen, bringt der Philosoph eine amerikanische Studie. Diese zeigt, dass die Schlafmenge sich verändert hat. Vor zehn Jahren schliefen die Menschen im Schnitt noch zehn Stunden pro Nacht. Heute verbleiben meist weniger als sechs Stunden pro Nacht. Um mit so wenig Schlaf die maximale Leistung herauszuholen, würden sich doch Neuro-Enhancer anbieten?

Damberger erklärte, dass Menschen dem Druck des Systems standen halten wollen. Sie streben danach, sich selbst zu verbessern. Doch wo beginnt die Verbesserung und wo hört das Mensch-Sein auf? Wo wird der Mensch unmenschlich und zu einer Maschine der Arbeitswelt? An dieser Stelle zitiert er Humboldt. Der sagte, dass Bildung bedeutet, sich selbst an der Welt zu erfahren. Denn Bildung sei selbstbestimmt. Die Menschen sollten selbst herausfinden, was für sie Mensch-Sein bedeutet. Aus dieser Sicht würden Neuro-Enhancer zur Verunmenschlichung beitragen. Sie würden zum fremdbestimmten Handeln zwingen.

Hier wurde deutlich, was Damberger in seinem Vortrag erklären möchte. Bereits in unserer Vergangenheit zeigte sich sehr früh ein Wandel in der Arbeitswelt. Dieser drängte unseren Vorfahren ein System auf, das von Konkurrenz und Druck bestimmt war und heute noch ist. In diesem System versucht der Mensch zu bestehen. Bleibt die Frage, zu welchem Sinn?

von Fabienne Schleunung