Ein kleine rot-blaue Dose mit der Aufschrift "Pervitin". (Foto: Jan Wellen / cc-by-sa)

Bewaffnet mit Panzerschokolade: Neuro-Enhancement im zweiten Weltkrieg

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Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

Der Einsatz von Neuro-Enhancement im Militär ist nicht nur ein Phänomen der heutigen Zeit. Um Soldaten effizienter zu machen, wurden vor allem im zweiten Weltkrieg Amphetamine in Form von Pillen oder in Schokolade millionenfach an Frontsoldaten und Piloten verteilt. Die Spätfolgen für die Soldaten waren hierbei für die Regierungen zweitrangig.

Der Körper im Überlebensmodus

Unter Soldaten hatte das Medikament, das ihnen von ihren Befehlshabern gegeben wurde, viele Namen. Im Deutschen Reich nannte man es Panzerschokolade, in den USA und Großbritannien war es als pilot’s salt bekannt und in Japan nutzen sowohl Soldaten als auch Zivilisten es unter dem Namen Philopon, was soviel wie “gerne arbeiten” bedeutet.

Die Rede ist von dem Medikament Pervitin mit dem Wirkstoff Methylamphetamin. In der Drogenszene kennt man es als Meth oder Crystal und es gilt als eine der am schnellsten in die Abhängigkeit führende Substanz. Der Stoff ist dem körpereigenen Adrenalin sehr ähnlich und versetzt den Nutzer in den sogenannten “Kämpfen, Fürchten, Flüchten”-Zustand. Der Körper ignoriert dabei alle Bedürfnisse außer den Drang zu überleben und wird in höchste Alarmbereitschaft versetzt.

Hirn-Doping für den Krieg

Hauptsächlich wurde das Medikament an Frontsoldaten und Piloten verteilt. Die Verabreichung fand in kleinen Mengen statt, um keinen Vollrausch zu verursachen. Ziel war es, Schmerz, Müdigkeit und Hungergefühle der Soldaten zu unterdrücken und gleichzeitig ihre Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Außerdem stellte sich durch die berauschende Wirkung ein Gefühl des Optimismus bis hin zu einer Euphorie bei den Soldaten ein. So wurden sie unter andauerndem Beschuss nicht von Angst gelähmt oder nach stundenlangen zermürbenden Stellungskämpfen nicht müde.

Da das Risiko der Abhängigkeit bei Methylamphetamin sehr hoch ist, war für viele Soldaten die verabreichte Dosis bald nicht mehr genug. „Schickt mir nach Möglichkeit bald noch etwas Pervitin“, bat der heutige Literaturnobelpreisträger und damalige Wehrmachts-Frontsoldat Heinrich Böll in einer Vielzahl an Briefen an seine Mutter. Bölls Briefe sind eines der bekanntesten Beispiele für zahlreiche Briefe von abhängigen Soldaten in die Heimat.

Bis hier hin und nicht weiter

Im Deutschen Reich wurden Rauschgifte aller Art durch Propagandamaßnahmen an den Pranger gestellt. Der Einsatz von Pervitin in der Wehrmacht stand daher stark in der Kritik.

Deshalb wendete sich der Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti am 19. März 1940 an den deutschen Ärztebund in Berlin. „Dass das Mittel einmal gegen Müdigkeit für einen Hochleistungsflieger, der noch zwei Stunden fliegen muss, angewendet werden darf, ist wohl richtig. Es darf aber nicht angewendet werden bei jedem Ermüdungszustand, der in Wirklichkeit nur durch Schlaf ausgeglichen werden kann. Das muss uns als Ärzten ohne weiteres einleuchten“, erklärte Conti.

Zunächst wurde das Medikament aber wie gehabt weiterverbreitet. Als Pervitin wenige Monate später in der Medizinischen Wochenschrift für so gut wie alle Krankheiten, von Seefahrer-Krankheiten bis hin zu Hirn-Erkrankungen empfohlen wurde, entschloss sich Conti zu handeln und dem Ganzen den Riegel vorzuschieben. Er verfasste einen neuen Gesetzesentwurf, der dem häufigen Missbrauch und den vermehrten Suchtfällen entgegenwirken sollte. Das Medikament war dann durch das ab Mitte 1941 verabschiedete Reichsopiumgesetz nur noch auf ärztliche Anweisung zu bekommen. Hierdurch reduzierte sich der Einsatz der Droge im Militär merklich.
Kurz nach dem Gesetzeserlass begannen allerdings Experimente an KZ-Häftlingen, um einen nebenwirkungsärmeren Wachhalter für die Soldaten zu finden.

Neuro-Enhancer bleiben Kriegswerkzeug

Das US-Militär verabreichte seinen Soldaten bis zum Kriegsende 1945 Methylamphetamin. Zudem wurde es im Vietnam-Krieg eingesetzt. Auch heute werden in den USA noch Neuro-Enhancer im Militär angewendet. Mittlerweile werden aber nebenwirkungsärmere Medikamente wie Modafinil eingesetzt.

Da das Mittel in Japan auch für zivile Zwecke freigegeben war, wurde es hauptsächlich an Industriearbeiter verabreicht, um deren Produktivität zu steigern. Der kontroverseste Gebrauch der Droge fand allerdings unter japanischen Piloten statt: So wurden Piloten mit Kamikaze-Befehl in einen euphorischen Rausch versetzt, damit sie furchtlos und ohne zu zögern Selbstmord-Angriffe flogen. Nach dem Krieg konnten sich die heimkehrenden Soldaten, die abhängig waren, dem Drogenmissbrauch kaum entziehen. Der Schwarzmarkt von Amphetaminen boomte.

Text: David Kreienbruch