Ein orange-farbenes T-Shirt mit dem Logo des Films "Clockwork Orange". (Foto: Educationeducationeducation / cc-by)

A Clockwork Orange: Enhancement als staatliche Gedankenkontrolle

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Dieser Artikel stammt aus dem Archiv des Blogs "hirn-sturm.de", den Wissenschaftsjournalismus-Studierende der h_da im Rahmen eines Vorgängerprojekts geschrieben haben. Weitere Informationen.

In Stanley Kubricks düsterem Filmklassiker „A Clockwork Orange“ zeigt sich, dass man sich bereits 1971 kritisch mit dem Thema Neuro-Enhancement auseinandergesetzt hat. In einem fiktionalen England im Jahr 1983 versucht der Staat die Gedanken von Straftätern zu manipulieren.

Im ersten Teil unserer Serie „Neuro-Enhancement in der Science-Fiction“ beleuchten wir Stanley Kubricks Filmklassiker „A Clockwork Orange“ in Bezug auf Neuro-Enhancement. Obwohl der Film schon mehr als vierzig Jahre alt ist – das zugrunde liegende Buch wurde sogar bereits vor fünfzig Jahren veröffentlicht – behandelt er ein heute mehr denn je aktuelles und kontrovers diskutiertes Thema.

Der jugendliche Protagonist Alex formt mit drei Freunden, oder wie sie sich nennen „Droogs“, eine von mehreren Jugendbanden in einem fiktiven England von 1983. Die Halbstarken vertreiben sich ihre Freizeit mit Vergewaltigungen, Drogen und Schlägereien, bei denen unter anderem ein wehrloser Obdachloser halb totgeschlagen wird. Bei einem Einbruch verliert Alex die Kontrolle über sich und tötet unbeabsichtigt eine ältere Frau. Als er fliehen will, wird er von seinen Kumpanen, die er vorher wie Untergebene behandelt hat, niedergeschlagen und liegengelassen. Er wird gefasst und wegen Mordes zu 14 Jahren Haft verurteilt. Nach etwa zwei Jahren hört er von einem Therapieprogramm, in dem Straftäter angeblich von ihrer Gewalttätigkeit geheilt und bereits nach zwei Wochen entlassen werden. Er meldet sich freiwillig und wird als Versuchsobjekt für das Experiment genommen.

Alex’ ,,Heilung”

Eine Ärztin injiziert Alex ein Medikament. Dann wird ihm ein Film gezeigt, in dem eine Frau vergewaltigt und exzessive Gewalt ausgeübt wird. Obwohl Alex anfangs die Bilder genießt, wird ihm nach und nach unwohler, bis er sich fast übergeben muss.

Nach mehreren Anwendungen zeigen sich Wirkungen der Gehirnmanipulation: Alex ist weder zu Gewalt noch zu Sexualität mehr fähig. Allein der Gedanke daran bereitet ihm physische Schmerzen – eine Art neurologisches Elektroschockhalsband. Als Nebeneffekt kann er auch nicht mehr die von ihm geliebte 9. Sinfonie Beethovens, die während einem der Filme im Hintergrund läuft, ohne Schmerzen hören.

Der Film zeigt eine düstere Vision, wie emotionales Enhancement genutzt werden könnte. Der Staat will weniger Häftlinge in den Gefängnissen haben, Straftäter wollen auf freien Fuß und die Gesellschaft will, dass Verbrecher sich zu sozialisierten Menschen entwickeln. Alle scheinen hier also zu gewinnen. Doch die Herangehensweise der Wissenschaftler ist falsch. Sie versuchen nicht, die Persönlichkeit positiv zu verändern, sondern nur schlechtes Verhalten zu bestrafen. Alex hat immer noch gewalttätige und sexuelle Phantasien, die er nur aufgrund der Schmerzen nicht ausführen kann.

,,Ich war geheilt, all right”

Alex ist nach seiner ,,Heilung” nicht mehr konfliktfähig. Er war es gewohnt, Konflikte mit Gewalt zu lösen, kann es nun aber nicht mehr. Das heißt aber nicht, dass er plötzlich weiß, wie man Probleme auf andere Arten löst. Er bleibt nur würgend und wehrlos auf dem Boden liegen.

Der Film kritisiert, dass ein Staat Einfluss auf die Entscheidungsfreiheit seiner Bürger nimmt. Auch wird die Methode, Menschen zu beeinflussen, kritisch aufgenommen. Von Beethovens 9. Sinfonie in den Wahnsinn getrieben, versucht sich Alex das Leben zu nehmen. Von den Medien werden die an ihm vorgenommenen Versuche als „unmenschlich“ verurteilt und die Regierung als Schuldiger ausgemacht und als „Mörder“ bezeichnet.

Stanley Kubrick zeichnet ein sehr düsteres Bild von einer Gesellschaft, in der der Staat das Gefühlsleben seiner Bürger beeinflusst. So abwegig die in „A Clockwork Orange“ vorgenommene Veränderung eines Menschen zu sein scheint, es gibt bereits Medikamente, die in eine ähnliche Richtung abzielen. Nach dem Abklingen des Enhancements, bedingt durch seinen Selbstmordversuch, sagt Alex sarkastisch „Ich war geheilt, all right“, und freut sich über die Aufhebung seiner ,,Heilung”.

Eine Frage, die sich durch den gesamten Film, ebenso wie durch die Neuro-Enhancement-Debatte zieht, wird von einem Gefängniskaplan im Gespräch mit Alex auf den Punkt gebracht: „Es ist eben die Frage: Macht diese Technik den Menschen wirklich von Grund auf gut? Güte kommt von innen. Heißt: frei wählen. Kann ein Mensch nicht wählen, ist er nicht mehr Mensch.“

Text: Marcel Herzog, Dustin Grunert